Verständigung in und mit Rußland.
Von Wladimir Putin zu Dmitrijj Medwedjew
Vor der Wahl des neuen
Präsidenten Rußlands wurden nicht nur in Deutschland
über Kontinuität und Wechsel vor allem in der russischen
Außenpolitik sowie über die zukünftigen Beziehungen
zwischen Wladimir Putin und Dmitrij Medwedjew viele Vermutungen
angestellt. Skeptisch aufgenommen wurden mehrfache Erklärungen
beider Politiker, auch in der Aufteilung ihrer Vollmachten und Aufgaben
die Festlegungen der Verfassung und der Gesetze Rußlands
einzuhalten und gleichzeitig, wie bereits viele Jahre vorher,
vertrauensvoll und kollegial zusammenzuarbeiten. Aus allen Handlungen
des neuen Präsidenten ist die grundlegende Kontinuität des
Kurses der Stabilisierung Rußlands in der Innen- und
Außenpolitik festzustellen. Zweifellos hatten die vorangegangenen
Jahre der Präsidentschaft Putins gute Erfolge in der
Wiederbelebung der Wirtschaft erreicht. Bei seinem ersten Treffen mit
Vertretern der russischen Wirtschaft erklärte Medwedjew, daß
die nachhaltige Förderung der Klein- und Mittelunternehmen in
Verbindung mit stabilen vertraglichen Beziehungen zu staatlichen
Großbetrieben Initiativen zu einer breiteren Qualifizierung und
Modernisierung der Industrie unterstützen muß. Im
Vordergrund der Diskussionen zu dieser Aufgabenstellung stehen die
Verbesserung der Lebenslage vieler Bürger auch außerhalb der
Kerngebiete des Landes, eine starke Einführung von Hochtechnologie
in Industrie und Infrastruktur sowie eine umfassende Arbeit zur
Zurückdrängung von Bestechlichkeit in den lokalen
Verwaltungen des Staates. Als Jurist erläuterte Medwedjew mehrfach
die Bedeutung qualifizierter Gesetzgebung, die den Mißbrauch von
Entscheidungsspielräumen durch willkürliche Verwaltungs-
Genehmigungs- und Kontrollakte einengen soll. Im Zusammenhang mit
Erörterungen von Wegen zu beschleunigter Genehmigung von
Firmengründungen wurde mehrfach der Begriff
„Korruptionsförderung“ (wsjatkojomkost`) von
Durchführungsbestimmungen zu Gesetzen sowie lokaler Verordnungen
verwendet. Insgesamt sind diese Debatten eingebunden in ein umfassendes
System von Maßnahmen zur Durchsetzung der Gesetzlichkeit auf
allen Ebenen. Gleiche Herangehensweisen zur Durchsetzung
internationaler Verträge und Konventionen auf der Basis von
Beschlüssen der Vereinten Nationen finden wir in der
Außenpolitik Rußlands. Mit allem Nachdruck betont Dmitrij
Medwedjew die Notwendigkeit, UN-Beschlüsse unabhängig von der
Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Staatengruppe einzuhalten.
Das zeigt sich auch in den Erklärungen Medwedjews und Putins zu
den Kampfhandlungen georgischer Truppen gegen Südossetien und die
russischen Blauhelme. Nachdrücklich wird hervorgehoben, daß
der Einsatz zusätzlicher russischer Truppenteile dazu dient,
Georgien zur Einhaltung des Friedens zu zwingen und die
Bevölkerung Südossetiens zu schützen. Rußland
beruft sich dabei auf das UN-Mandat zur Gewährleistung einer
Sicherheitszone zwischen Georgien und Südossetien.
Erinnert man sich an Zeiten der harten Konfrontation zwischen der UdSSR
und den USA, kann die eindringliche, aber gleichzeitig ausgewogene
Reaktion Rußlands auf die NATO-Osterweiterung sowie die
vorgesehenen Positionen der Raketenabwehr in Europa als konsequente
Fortsetzung der russischen Bestrebungen zur Gewährleistung der
Sicherheit mit politischen Mitteln angesehen werden. Realismus in der
Politik Rußlands zeigt sich in dem Streben, die mannigfaltigen
Interessen der europäischen Länder zu berücksichtigen.
Im Unterschied zu schöngeistigen humanistischen Appellen eines
„neuen Denkens“ bemüht sich die heutige Führung
Rußlands, durch gegenseitig vorteilhafte Zusammenarbeit der
politischen Klasse Westeuropas positive Erfahrungen über die
konsequente Verläßlichkeit und Berechenbarkeit der
russischen Außenpolitik zu vermitteln.
In Anbetracht katastrophaler Verarmung großer
Bevölkerungsteile in Rußland im Verlauf der
„Privatisierung“ stand und steht die russische Führung
vor der Aufgabe, gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen
gegensätzlichen Interessengruppen zu verhindern. Deshalb der
Appell „Einiges Rußland“, der von der
überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wird.
Das langfristig angelegte Konzept der Modernisierung des Landes in
allen Bereichen zielt auf die nachhaltige Verbesserung der Lebenslage
der Völker Rußlands auf der Grundlage höherer
Effektivität. Damit kann einer inflationären Entwicklung bei
einer raschen Verteilung der Einkünfte aus dem Export von
Energieträgern entgegengewirkt werden.
Zweifellos liegt diese Entwicklung auch im Interesse der deutschen
Wirtschaft, die mit ihrer Hochtechnologie in Industrie, Bauwesen,
Infrastruktur, Landwirtschaft Rußlands eine langjährige
Partnerschaft entwickeln kann. Gleichzeitig werden damit auch Garantien
für eine sichere Energieversorgung sowie die notwendige
Vertrauensbasis für eine gemeinsame Sicherheitspolitik für
Deutschland geschaffen.
Die Rede Medwedjews in Berlin am 5. Juni 2008 enthielt allerdings neben
der Darlegung großer beiderseitiger Chancen deutsch-russischer
Zusammenarbeit auch offen ausgesprochene Überlegungen über
Wege und Hemmnisse bei der Entwicklung des gegenseitigen Vertrauens.
Ich hoffe auf die Bereitschaft der deutschen Außenpolitik zu
Verständigung mit Rußland im Interesse der Bevölkerung
unserer beiden Länder.
Eugen Neuber
Mitglied des Vorstandes und Sprecher
der „Berliner Freunde der Völker Rußlands e.V.“