Dokumentation/Veröffentlichungen
Erklärung zum 65.
Jahrestag der Befreiung vom Faschismus
Der 65. Jahrestag der
Befreiung von Faschismus und Krieg.
Leitlinien des
Vereins „Berliner Freunde der Völker Russlands e. V.“
Die „Berliner Freunde“ würdigen den 8. Mai zusammen mit dem
9. Mai als „Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg“ und als „Tag des Sieges
der Sowjetunion im Großen Vaterländischen Krieg“.
Es waren die Menschen und Völker der Sowjetunion, die sich
und ihr Land vor Unterwerfung, Versklavung und Vernichtung bewahrten und
retteten. Sie erbrachten immense Leistungen und Opfer zur Niederringung
Hitlerdeutschlands und seiner Verbündeten, zur Rettung der Weltzivilisation vor
dem Faschismus und seiner Barbarei. Sie erzwangen im Bündnis mit ihren Alliierten
die Niederlage und bedingungslose Kapitulation Hitlerdeutschlands und das Ende
des Zweiten Weltkrieges in Europa und später in Asien. Das bedeutete Befreiung
aus faschistischem Joch und öffnete den Weg zum Neubeginn, der in Ost und West
sehr unterschiedlich beschritten wurde.
Der 65. Jahrestag der Sieges und der Befreiung ist für die
„Berliner Freunde der Völker Russlands“ Anlass zur Erinnerung und zur Besinnung
auf die Lehren des Krieges. Sie erfassen dieses Jubiläum als deutliche und
dringliche Mahnung zu Frieden und Menschlichkeit in einer Welt, in der Kriege
geführt werden und weitere drohen, Terrorismus die Menschen in Schrecken setzt
und menschliche Not, menschliches Elend weltweit in Erscheinung tritt.
Für die „Berliner Freunde der Völker Russlands“ ergibt sich
als Mahnung des Krieges, es nie wieder zu einer deutsch-russischen
Konfrontation kommen zu lassen, ein
friedliches, kooperatives, ja freundschaftliches Verhältnis zwischen
Deutschland und Russland zu pflegen, das seine Basis in stabilen demokratischen
Verhältnissen in beiden Ländern findet.
Die „Berliner Freunde der Völker Russlands“ werden
entsprechend ihren Möglichkeiten an einer würdigen Gestaltung des Jubiläums
mitwirken.
Berlin, den 13. März 2010 die Mitgliederversammlung
Leibnitz´
Russlandarbeit
Vortrag von
Vorstandsmitglied Marga Voigt als Auftakt unserer Mitgliederversammlung 2010 im
65. Jahr der Befreiung vom Faschismus
Liebe Freunde, liebe Gäste
unserer Mitgliederversammlung,
ich habe
meinen Vortrag Leibniz’
Russlandarbeit genannt
und widme ihn der Theologin Liselotte Richter (1906-1968), der ersten Frau in
Deutschland, die auf eine Professur für Philosophie berufen wurde.
Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716)
erkannte die welthistorische Dimension, als Russland in der Person des Zaren
Peter I. in das neuzeitliche Staatssystem Europas eintrat, und er damit das
Feld der europäischen Politik betrat. Der universale Geisteswissenschaftler und
bedeutende Philosoph Leibniz beobachtete mit Begierde des Zaren Auftreten in
Europa und sah mit seinem besonderen Blick für die Zusammenschau der
Weltereignisse neue Aufgaben für den Westen und den Osten. Leibniz knüpfte
hochgespannte Erwartungen an des Zaren Natürlichkeit und geistige Aktivität und
seinen festen Willen, alles „selbst von unten auf“ zu lernen. Dies war für
Leibniz Ausgangspunkt langjähriger und intensivster geistiger Bemühungen, in
denen alle Forschung, ja sein Lebenswerk eine neue Zielsetzung erfuhr und einen
Zuwachs an Wirksamkeit. Mit diesen Gedanken führt die Leibniz-Forscherin
Liselotte Richter in ihr Werk Leibniz und
sein Russlandbild ein.
Sie stellt uns einen Leitfaden
von Leibnizens Hand vor. Der ist in den Leibnizhandschriften der Bibliothek zu
Hannover zu finden und wird in der Abteilung Russland unter dem Stichwort
Russlandtätigkeit aufbewahrt. Wie Leibniz sich selbst ausdrückt, hat er in
seinem Blick nicht das private Interesse oder das seiner Nation, sondern das „gemeine
Beste aller Völker“, damit das russische Reich und die russische Nation alle Vorteile
der andern erlangen möge und das menschliche Geschlecht um „so viel verbessert
werde“.
Leibniz dachte an eine „Encyclopädie
oder gründlichen und netten Begriff aller Wissenschaften“ ins Russische bringen
zu lassen, eine Bibliothec, an Cabinette der Natur und Künste, an Modelle und
Instrumente handwerklicher Meisterschaft, an Observatorien der Sterne, der
Geographie und der Schifffahrt und an Laboratorien. Er dachte an Druckereien,
ein Bücherwesen, die Einrichtung gemeiner Schulen, Gymnasien, Academien, Hoher
Schulen und nicht zuletzt an alle Sprachen des Zarenreichs und der angrenzenden
Lande. So einen Plan gedachte Leibniz Zar Peter zu und bereitete eine persönliche
Begegnung mit dem russischen Zaren vor.
Leibniz sah im neuen
Russland die große Möglichkeit zur Verwirklichung all seiner erstrebten Lebensaufgaben:
Er trachtete, in einem schöpferischen Neuanfang einer vernunftgemäßen
Planwirtschaft das Ideal der modernen Weltkultur zu realisieren, ohne die „Hemmungen
der geschichtlichen Zwangsabläufe“ des alten Europas in der Enge ihrer
Kleinstaaten und der „in ihren Mitteln und Gesichtspunkten beschränkten Fürsten“.
In Zar Peter aber sah Leibniz den unerhörten Enthusiasten beim Neubau eines „jugendfrischen
Staates“, dessen Reichweite ein Sechstel der Erdoberfläche umfasst.
Von Liselotte Richter
erfahren wir, was Leibniz’ Russlandarbeit beflügelte: Er verstand sein Wirken
als Dienst am Menschengeschlecht, als humanitäre Bewährung. Dem ging zuvor die
Wandlung des Religiösen aus dem Dogmatischen in das Humanitäre voraus. Leibniz
erstrebte eine vernunftbestimmte Sittlichkeit und stellte damit den
wissenschaftlichen Fortschritt in den Dienst am menschlichen Geschlecht. As
Philosoph und Wissenschaftler gelingt es ihm, ein einzelwissenschaftliches
Thema, z. B. die Ermittlung der geschichtlichen Beziehung der slawischen Völker
zu den übrigen Völkern Europas auf dem Weg der vergleichenden Sprachforschung
als einen Baustein zu begreifen und auch staatswissenschaftliche und
organisatorische Aufgaben, wie z. B. die Gesetzgebung und die Volksbildung,
als Schritte zu sehen, auf dem Weg zu seinem großen Endziel, einem
weltumspannenden Geistesreich.
Als an der Königlich
Preußischen Societät der Wissenschaften zu Berlin konfessionelle
Missionsinteressen in Russland verfolgt werden sollten, hielt Leibniz dagegen,
Mission in seinem Sinn als Wissensausbreitung und Forschung zu betreiben, um
dem russischen Reich wie den Zwecken der Wissenschaft zu dienen. Leibniz’
Missionspläne beruhten auf dem Austausch der Wissenschaften.
Leibniz’ Russlandarbeit
bezeugt den geistesgeschichtlichen Wandel seines Gottesbegriffs, der dem
Gedanken einer neuen Humanitas und Völkerfreundschaft folgt, schreibt Liselotte
Richter und legt ihr Augenmerk auf den Gedanken Leibniz’: Das Aufblühen der
Wissenschaften und Künste unterscheidet die Humanität von der Bestialität und
fördert die schöpferische Synthese für eine fruchtbare Lebenseinheit anstelle
von Absplitterung und Isolierung bestimmter Nationen, Kulturen und
Völkerkreise.
Feindseligkeit, also dem Entweder-Oder
vermochte Leibniz ein gerechtes Sowohl-als-Auch entgegenzusetzen. Auf
politischem Gebiet stellte Leibniz sein Wirken in den Dienst des Strebens nach
der Synthese der Völker und Kulturen: Für Europa sah Leibniz den Weg der
Wiederherstellung des Gleichgewichts der Kräfte in einem Bund des Reiches mit
dem aufstrebenden Russland.
Und Liselotte Richter führt
weiter aus: „Aber über Europa hinaus erstrebt (Leibniz) die weltumspannende
Synthese des abendländischen mit dem morgenländischen Kulturkreise. Und Mittler
und einigende Kraft in diesem gewaltigen Plan ist Russland. ... in dem Landweg
durch Russland (erkennt Leibniz) die Verbindungslinie von West und Ost. Deshalb
wird er nicht müde, an Peter den Großen immer wieder Hinweise und Materialien
für diese Idee zu senden.“
Leibniz sah also das junge
aufstrebende Russland als Mittelglied zwischen zwei alten Kulturen, mit den
Möglichkeiten beider. Mit großem, ja jugendlichem Enthusiasmus ging er an
seinem Lebensabend daran, anhand des Eintritts Russlands nach Europa, die
Vervollkommnungsideen in seinem Lebenswerk neu zu fassen. Zar Peter und dem russischen
Reich erkannte er die Ehre zu, die Aufgabe eines weltumspannenden
Geistesreiches für die Entwicklung der Menschheit zu leisten. Leibniz bietet
dem Zaren nicht nur den Ertrag seiner reichen Lebensarbeit, sondern auch die
Mitarbeit der Königlich Preußischen Societät der Wissenschaften: „Solche
Societät zu Berlin hat der König auf meine Vorschläge fundiert und habe ich
solche Anstalt dabei an Hand gegeben, dass sie dem König fast nichts zu
unterhalten kostet, viel besser aber könnt nicht nur dergleichen, sondern ein
weit mehreres Eurer Großen Czarischen Majestät großem Land geschehen und – bald
zur Sachetat werden.“
Und Leibniz fügt hinzu: „Ich
werde es mir vor die größte Ehre, Vergnügen und Verdienst schätzen, Eurer
Großen Czarischen Majestät in einem so löblichen und gottgefälligen Werke
dienen zu können; denn ich ... gehe auf den Nutzen des ganzen menschlichen
Geschlechts, denn ich halte den Himmel für das Vaterland und alle wohlgesinnte
Menschen für dessen Mitbürger und ist mir lieber bei den Russen viel Gutes
auszurichten, als bei den Deutschen oder andern Europäern wenig, wenn ich
gleich bei diesen in noch so großer Ehre, Reichtum und Ruhe sitze, aber dabei
andern nicht viel nutzen sollte, denn meine Neigung und Lust geht aufs gemeine
Beste.“
Leibniz begegnete seinem
ersehnten Helden dreimal. „Héroique“ nannte Leibniz nur wenige
Persönlichkeiten, bei denen er meinte, sein Philosophenziel des „Gemeinen Besten“
der Menschheit verwirklicht zu sehen: „Eure Große Czarische Majestät wird durch
solche Heroische Vorhaben unzähliger nicht nur jetziger, sondern auch künftiger
Menschen, insonderheit aber den Russen und allen andern slavonischen Nationen
zu Nutz und zu Statten kommen...“. Das erste Mal traf Leibniz den Zaren im
Sommer 1711: Zar Peter verheiratete seinen Sohn, Zarewitsch Aleksej, mit der
welfischen Prinzessin Charlotte von Braunschweig-Wolfenbüttel. Die Hochzeit
fand in Torgau an der Elbe statt. Später traf Leibniz den Zaren noch zweimal
während Kuraufenthalten: 1712 in Karlsbad und vier Jahre später in Pyrmont. Nach
den persönlichen Begegnungen künden Leibniz’ Schriften ausschließlich von
Freude und Befriedigung.
Beinahe zwei Jahrzehnte
arbeitete Leibniz unermüdlich an seinen vielfältigen Plänen für die
Aufrichtungen der Wissenschaften und Künste im Russischen Reich – ein
Workoholiker – und in immer ausführlicherer Form gab er seine Denkschriften zur
„fleißigen Bewerkstellung“ an des Zaren Hof weiter – wahrlich ein humanitärer
Einsatz! Für Leibniz ist Russland die Mitte zwischen China und Europa, und
Deutschland und Berlin sind die Mitte zwischen Westeuropa und Russland. Und in
dieser Mittelstellung verwirklicht sich für ihn ein fruchtbares Geben und Nehmen
im Aufschwung einer lebendigen wissenschaftlichen und kulturellen
Aufwärtsentwicklung.
Leibniz selbst weilte nie in
Russland. Doch trat er nach der Torgauer Audienz in russische Dienste, denen
der Zar „mit einer ungeheuren Generosität begegnet“, mit „1000 Albertustalern“
jährlich, wie Leibniz notierte. Als bleibendes Zeichen seiner Lebensarbeit für
Russland aber hinterlässt Leibniz seinem Nachfolger Laurentius Blumentrost dem
Jüngeren den Auftrag der Gründung der russischen Akademie in St. Petersburg.
Ihr feierlicher Gründungsakt wurde im Dezember 1725 begangen. 1728 entdeckte Vitus
Bering die Wasserstraße zwischen Asien und Amerika. Noch im 18. Jahrhundert,
unter Katharina der Großen, erlebte die vergleichende Sprachwissenschaft einen
Aufschwung. Und Alexander von Humboldt hat einen Vorschlag von Leibniz wieder
aufgenommen: Er richtete zu Anfang des 19. Jahrhunderts feste Messstationen zur
Untersuchung der Deklination des Magnets ein, ein Wissenschaftsgebiet, „woran
auch bei der Schifffahrt viel gelegen“, womit Leibniz auf besonderes
Verständnis beim Zaren hoffte.
Auf den gesellschaftlichen
und tagespolitischen Hintergrund von Liselotte Richters Leibniz-Schrift machte
mich der Kirchenhistoriker Prof. Dr. Günter Wirth aufmerksam. Er erwähnt die Schrift
in seinem Aufsatz „Über die intellektuelle Vorgeschichte der DDR im Vergleich
zur Bundesrepublik“ – in dem eben bei Karl Dietz erschienenen Band:
DDR-Geschichte: Bilder und Zerrbilder – als
er auf die Wiedereröffnung der ehemals Preußischen Akademie der Wissenschaften
als Deutsche Akademie der Wissenschaften im Sommer 1946 zu sprechen kam. Eben
zu gleicher Zeit veröffentlichte die Theologin Liselotte Richter ihre Leibniz-Schrift.
In ihr, so erfuhr ich von Wirth, ging es „um die Begegnung von Ost und West,
wie sie sich eindrücklich in Peter dem Großen personifizierte“. Und die
Schilderung des Besuchs von Zar Peter in Torgau erschien 1946, so meint Wirth, „als
historisches Spiegelbild jener legendären Begegnung sowjetischer und
amerikanischer Soldaten in der Elbestadt im Zeichen des Sieges der
Antihitlerkoalition“.
„Leibniz und sein
Russlandbild“ erschien 1946 als erstes Buch des Akademie-Verlags, ein Jahr nach
Kriegsende. Heute zählen wir das 65. Jahr. Leibniz’ Russlandarbeit vor mehr als
300 Jahren bezeugt in der Tat sehr eindrücklich, wie weit die europäische
Vision von Gottfried Wilhelm Leibniz an der Jahrhundertwende des 17. zum 18.
Jahrhundert reichte und welchen ehrenwerten Platz er Russland darin zugedachte.
Die wissenschaftlichen, kulturellen
und historischen Leistungen Russlands und der Sowjetunion gingen weit über das hinaus,
was Leibniz erahnen konnte. Sie sollten auch heute, im 65. Jahr der Wiederkehr
des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg und im gemeinsamen Sieg der
Alliierten Mächte über Hitlerdeutschland nicht gering geschätzt werden.
Ich erinnere an meine
Gründe, die ich im vergangenen Jahr vortrug, als ich für den Vorstand des
Vereins „Berliner Freund der Völker Russlands“ kandidierte. Und ich werde nicht
müde, es Jahr um Jahr zu wiederholen: Wahre Völkerverständigung braucht
Freundschaftsarbeit als ein hohes Gut der Friedenserhaltung zwischen den
Völkern.
Ich danke für die
Aufmerksamkeit.
Berlin,
13. März 2010
Marga
Voigt
Verständigung
in und mit Rußland
Leserbrief
zu dem ND-Artikel von
Jürgen Elsässer: „Krieg ums kaspische
Öl“ / Eugen Neuber, Hermann Sachse
Der Vertrag von Brest 1918 und das Problem
der europäischen. Sicherheit heute. / Dr. Igor
Maximytschew - Europa-Institut Moskau