Dokumentation/Veröffentlichungen


Wissenschaftliches Kolloquium am 22. Juni 2011

"Vor 70 Jahren. Der Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion.
Beginn des Großen Vaterländischen Krieges. Sachverhalte - Ereignisse - Wertungen."

Vortrag von  Dr. Sergej Kudrjaschow                             

           

(Deutsches Historisches Institut Moskau)

 

Der Vorabend und der Beginn des Großen Vaterländischen Krieges – Wirklichkeit, Wahrnehmung und Wertung in Russland

 

Der Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und der danach fast vier Jahre dauernde Krieg wurden zum größten bewaffneten Konflikt in der Menschheitsgeschichte. Nie zuvor überfiel eine Dreimillionen-Armee ihren Gegner. Die Gesamtfront der Gefechtshandlungen betrug im Sommer 1941 über 1000 Kilometer. Faktisch kämpften 46 Monate an der Ostfront von beiden Seiten ständig acht bis neun Millionen Menschen gegeneinander. In den Jahren des Krieges wurden etwa 32 Millionen Menschen eingezogen, von denen ca. 40 Prozent fielen.

Beispiellos war nicht nur die Größe des Konfliktes, sondern auch die außerordentliche Grausamkeit der Kampfhandlungen. Am 30. März 1941 sagte Hitler zu seinen Generalen, dass der bevorstehende Krieg kein gewöhnlicher Krieg sein werde. „Das wird ein Kampf von zwei Weltanschauungen gegeneinander sein. Wir müssen uns verabschieden von dem Standpunkt des soldatischen Kameradentums... Ein Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf.“ Die Realisierung des faschistischen Rassenhasses führte zu massenhaften Verlusten nicht nur unter den Soldaten, sondern auch unter der zivilen Bevölkerung. Die Gesamtverluste der UdSSR sind bis heute Gegenstand heftigen Streits, aber bei den verschiedenen Einschätzungen der Verluste unter der Zivilbevölkerung differieren die Zahlen zwischen 14 und 18 Millionen Menschenleben, die Gesamtverluste zwischen 26 bis 32 Millionen. Bezogen auf die Kriegsdauer fielen jeden Tag etwa Zwanzigtausend. Hinzu kommen -zig Millionen Verwundete und Invaliden, der Verlust von Verwandten. Insgesamt ist festzustellen, dass der Krieg direkt oder indirekt jede sowjetische Familie traf. Die Höhe des wirtschaftlichen Verlustes während der Kriegsjahre betrug das 20-fache des Nationaleinkommens im Jahre 1940, d. h. die UdSSR verlor etwa 30 Prozent ihres nationalen Reichtums. Es ist zu verstehen, dass diese Verluste sich nicht nur für immer im Gedächtnis der Nation eingegraben haben, sondern auch in hohem Maße die historischen Interpretationen beeinflussten und bis heute beeinflussen.

 Die Teilnahme und der Sieg im Zweiten Weltkrieg wurden für die Sowjetunion zum wichtigsten Ereignis in ihrer Geschichte. Unter dem Einfluss und während des Ersten Weltkrieges fand in Russland die Revolution statt und es entstand ein neuer Staat. Im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges trat dieser Staat nicht nur endgültig aus der Isolation heraus, er entwickelte sich zu einer Weltmacht und wurde sogar Gegenstand der Verehrung und Sympathie von Millionen Menschen. Aus diesem Grund verwundert es nicht, dass in Russland im Vergleich zu anderen Ländern, die im Zweiten Weltkrieg gesiegt haben, der Begehung verschiedener mit dem Krieg in Verbindung stehender Daten eine so große politische, erzieherische und kulturelle Bedeutung beigemessen wird. Wechselten auch die führenden Repräsentanten der Länder und ist die Sowjetunion von der Weltkarte verschwunden, so werden aber der 9. Mai und der 22. Juni nach wie vor von vielen Menschen als besondere, festliche und traurige Tage empfunden. Sogar Politiker verschiedener Parteizugehörigkeit stimmen darin überein, dass diese Daten für die gesamte Nation integrierende Bedeutung haben. Dennoch gelingt es im heutigen Russland noch nicht, eine bilanzierende Annäherung der Auffassungen sowie einen gesellschaftlichen Konsens zu erreichen. Dafür gibt es viele Gründe. Sie sind ambivalent und widersprüchlich. Die Auffassungen hängen mehr oder weniger mit der staatlichen Politik, der Propaganda, der ideologischen Konfrontation in der Zeit des Kalten Krieges und auch mit seinem Erbe sowie mit der Auflösung der Sowjetunion 1991 zusammen.

 Eine Zeitlang wurde in der UdSSR der Sieg im Krieg als kultisches, heiliges Ereignis angesehen. Zu Recht war man stolz auf den Sieg und aus ihm wurde Kraft für neue große Ziele geschöpft. Die wichtigste offizielle These lautete: „Der Sieg bewies für alle Zeiten die Vorzüge des Sozialismus und des Kurses der Kommunistischen Partei.“ Diese These wurde vom Kindesalter an im Bewusstsein jedes Bürgers verankert. Der starke ideologische Druck und die Abhängigkeit aller Forschungsinstitute vom Staat ließen aus der Vielzahl der Aspekte des Krieges nur einem einzigen Aspekt Raum: dem Thema des Heldentums. Die Beamten fürchteten panisch die Entdeckung von Dokumenten, die eine Kompromittierung der Sowjetmacht enthalten könnten. Unter diesem Vorwand verzichteten sie sogar auf die vollständige Veröffentlichung der Materialien des Nürnberger Prozesses in russischer Sprache. Dem wissenschaftlichen Gesichtsfeld wurden ganze Problemkreise entzogen. Infolgedessen erfuhren die Bürger von der Tragödie der sowjetischen Kriegsgefangenen, von den faschistischen Massenerschießungen in Babij Jar, von der Zusammenarbeit des sowjetischen Generals Wlassow mit den Nazis sowie von vielen anderen Ereignissen nicht durch Publikationen von Historikern, sondern durch Literatur und Film.

 Man könnte meinen, das Verschwinden der UdSSR und das Ende des Kalten Krieges hätten die ideologische Zuspitzung der Fragen korrigiert und der politischen Korrektheit mehr Raum geben müssen. Allerdings kam etwas völlig anderes heraus. Die führenden Repräsentanten der ehemaligen RGW-Länder, beziehungsweise des Warschauer Vertrages, strebten danach, sich möglichst schnell von der „verderblichen prosowjetischen Vergangenheit“ zu distanzieren, indem sie neue nationale Symbole bekräftigten. Alles „Schlechte“ begannen sie mit einer gewaltsamen Einwirkung Russlands bzw. der UdSSR in Verbindung zu bringen. Das wurde ausgelegt als eine Abweichung, bzw. grobe Behinderung des natürlichen Strebens dieser Länder nach Teilhabe an der europäischen Kultur und Demokratie.

 In erstaunlicher Weise veränderte sich die Situation in den Ostseeländern und in der Ukraine. Die neuen Führer dieser Länder erhoben in ihrer Suche nach heldenhafter nationaler Identität und in ihrem hemmungslosen Kampf gegen die sowjetische Vergangenheit fast alle Gegner Russlands in himmlischer peinlicher Verklärung zu wahren Denkmälern. Daraus ergab sich, dass innerhalb kürzester Zeit ehemalige Legionäre, Polizisten, Soldaten der Wehrmacht und der SS in Litauen, Lettland und Estland zu epischen Helden gemacht wurden. Ihnen wurde die größte staatliche und gesellschaftliche Aufmerksamkeit zuteil. Trotz milder Proteste der EU werden ihnen zu Ehren demonstrativ Denkmäler errichtet, Paraden veranstaltet, Filme gedreht, Theaterstücke aufgeführt. All jene Bürger, die in der Roten Armee gegen die Faschisten gekämpft hatten, wurden der gesellschaftlichen Verunglimpfung ausgesetzt und gezwungen, für die neurotischen Komplexe der neuen Eliten in den baltischen Ländern, Maßregelungen auf sich zu nehmen.
Vorsätzlich wurde von den ehemaligen Machthabern der Ukraine die Geschichte des Krieges in nationalistischer Manier umgedeutet. Das wird begleitet von der Errichtung verschiedener Monumente zu Ehren der ukrainischen Nationalisten. Dieser Prozess verlangsamt sich allerdings wesentlich unter der gegenwärtigen Führung der Ukraine.

 Auch in der russischen Gesellschaft wird ein heftiger politischer Streit zu Fragen des Krieges geführt. Auf der Welle der stürmischen Ereignisse im Jahre 1991 haben neue Kremlführer ihre Macht errichtet und begannen das sowjetische System allseitig zu demontieren. Die entschiedene Hinwendung zum Kapitalismus verlangte nach einer neuen Ideologie. Diese Ideologie konnte in der ersten Etappe nur schwer die Werte der sowjetischen Vergangenheit tolerieren, insbesondere in Anbetracht der umfassenden Verwendung der Geschichte des Krieges durch die Anhänger der linken Opposition in ihrem Kampf gegen Boris N. Jelzin. Die Regierung reagierte darauf mit einer Reduzierung der Feierlichkeiten sowie mit Angeboten einer „neuen Geschichte“. Kaum ein Ereignis der sowjetischen Geschichte entging der Aufmerksamkeit der Revisoren. Zu Beginn der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts ergoss sich auf die Bürger unseres Landes eine Flut von „entlarvenden“ Publikationen, Rundfunk- und Fernsehsendungen. Zum Teil trug dieser Prozess einen objektiven Charakter als Reaktion auf den übergroßen Druck der ideologischen Ausrichtung durch die Partei. Die Beseitigung der Zensur, die Öffnung eines Teils der Archive sowie verstärkte Kontakte mit dem Westen konnten auf die Umdeutung der sowjetischen Geschichte nicht ohne Wirkung bleiben. Die Bestellung einer „anderen Geschichte“ erforderte aber auch die Suche nach einem „anderen Krieg“. Infolgedessen wurden in Russland im Rahmen des gesamten Kampfes gegen das kommunistische Erbe in großer Menge Stereotype der westlichen rechtsradikalen Literatur aus der Zeit des Kalten Krieges aufpoliert. Aus diesem Blickwinkel wurde die Geschichte des Krieges in einer recht simplen Darstellung verbreitet. Angeblich hatte Stalin immer von einer Zusammenarbeit mit Hitler geträumt. Mit der Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes hätte der Generalsekretär den Krieg provoziert. Zwei verbrecherische Systeme wären zusammengestoßen, als Deutschland die Sowjetunion überfiel. Die Rotarmisten hätten nicht kämpfen wollen und hätten sich deshalb in großen Massen ergeben. Es sei also so, dass nur die nazistische Politik des Völkermordes das Volk dazu gezwungen habe, sich für Stalin zu entscheiden. Die Rote Armee sei durch die Kommissare und die Sperreinheiten im Hinterland zum Kämpfen gezwungen worden. Im Hinterland hätte ein höllisches Regime geherrscht, durch das die Menschen zur Arbeit gezwungen wurden usw. Der westliche Leser kennt diese Klischees seit langer Zeit. In Russland wurden diese primitiven Darstellungen als angebliches Ergebnis neuer „wissenschaftlicher“ Analysen dargereicht.

 Im Mittelpunkt der Diskussionen über den Krieg in Russland tauchte zu Beginn der 90er Jahre eine Hauptthese der Nazipropaganda auf. Bereits in den 60er Jahren wurden in der akademischen Literatur (darunter auch in der Bundesrepublik) ausführlich die großen Bemühungen der Hitlerfaschistischen Führung im Jahre 1941 dargelegt, die Öffentlichkeit in der Welt davon zu überzeugen, dass ihr Ostfeldzug als Präventiv- und Verteidigungskrieg geführt werde. In den 80er Jahren versuchten die Rechtsradikalen in Österreich, der BRD und den USA diese Version wiederzubeleben. Sensationell aufgebauscht hat diese Sicht dann aber der fahnenflüchtige sowjetische Kundschafter V. Resun, der unter dem Pseudonym Suworow schrieb. Direkt oder indirekt wurden die Thesen Suworows dann für den Kampf gegen das ideelle Erbe der Kommunistischen Partei verwendet, die aber ebenfalls die Erfahrungen des Krieges für ihre eigene Propaganda nutzte. Ein wirklicher Meinungsaustausch begann erst nach der Veröffentlichung einer Information über den Plan eines Präventivschlages, der von dem sowjetischen Generalstab Mitte Mai 1941 ausgearbeitet wurde.

 Aus den für die Veröffentlichung freigegebenen Dokumenten des Archivs von Stalin und des Politbüros in den Jahren 2000 bis 2009 wurde uns Historikern das Verhalten der sowjetischen Führung verständlicher, obwohl weitere Fragen offenblieben. Zu welchen Wertungen kamen die Wissenschaftler? Eine mehr oder weniger vorurteilungsfreie Betrachtung der Ereignisse berechtigt zu der Feststellung, dass in Wirklichkeit die Absichten Stalins (bzw. der Sowjetunion) in Anbetracht der deutlichen Kriegsabsichten lange Zeit im Dunkeln blieben. Alle von der Sowjetunion bis zum 22. Juni 1941 unternommenen Aktionen wurden ausschließlich als Verteidigungsmaßnahmen interpretiert. Die meisten Historiker meinen, gestützt auf die veröffentlichten Materialien und auf viele indirekte Hinweise, dass Stalin im Sommer 1941 weder einen Präventivschlag und erst recht keinen Überfall auf Deutschland plante. Allerdings lassen widersprüchliche Weisungen und Aktionen des Kremls unmittelbar vor dem Krieg unterschiedliche Interpretationen zu. Zum Beispiel besteht eine Ursache fehlender Eindeutigkeit (vorhandener Unklarheiten) in der strategischen Konzeption der aktiven Verteidigung, die von den sowjetischen Streitkräften verwendet wurde. Infolgedessen können aus der Standortverteilung der Truppen an sich keine überzeugenden Schlüsse über defensive oder offensive Pläne gezogen werden. Theoretisch lässt sich vermuten, dass es überhaupt keine detaillierten Diskussionen bzw. Kalkulationen gegeben hat. Für eine überzeugende Analyse darüber ist jedoch eine vollständige Öffnung aller Archive dieser Zeit erforderlich. So paradox es ist, müssen wir feststellen, dass in der gegenwärtigen Situation die Geheimhaltung der Verwaltungsarchive Russlands (Ministerium für ausländische Angelegenheit, Ministerium für Verteidigung und andere) das historische Ehrgefühl der Nation schmerzhaft verletzt, weil dadurch der Kultivierung verschiedenartiger Erfindungen sowie einer primitiven Vulgarisierung des Problems in einer quasiwissenschaftlichen Literatur Vorschub geleistet wird.

 Es ist heute bewiesen, dass Nachrichten über den bevorstehenden deutschen Überfall Moskau erreichten und immer häufiger nach der Bestätigung des „Barbarossa-Planes“ vom 18. Dezember 1940 eintrafen. Bekannt ist ebenfalls, dass Stalin diese Mitteilungen über die deutschen Absichten als Desinformation betrachtete. Irgendwie kann man ihn ja auch verstehen, da die Informationen einander nicht selten widersprachen. In ihnen waren zuweilen einander gegenseitig ausschließende Mitteilungen über die Absichten Deutschlands sowie über die Termine des beabsichtigten Überfalls enthalten. Einige Angaben stammten aus britischen Quellen, wodurch sie besonders zweifelhaft wurden. England war außerordentlich daran interessiert, die Sowjetunion in einen Krieg mit Deutschland hineinzuziehen.

 Die scheinbare Sicherheit, mit der Stalin die unaufhörlich eingehenden und irritierenden Berichte über die wahrscheinlichen Pläne Deutschlands bewertete, baute auf seiner Überzeugung auf, dass bei aller Entschlossenheit Hitlers, die Sowjetunion in nächster überschaubarer Zeit zu überfallen, er dies aber noch nicht im Sommer 1941 tun wird, weil er nicht einen Zweifrontenkrieg führen wolle. Diese Meinung behielt der Generalsekretär auch nach der Reise Molotows nach Berlin im November 1940. Als Stalin davon sprach, dass Hitler nicht ohne Not einen Zweifrontenkrieg führen würde, bedeutete dies: Hitler beginnt den Krieg nicht, wenn ihn nicht eine bedrohliche Haltung der UdSSR dazu zwingt.

Aus diesem Grunde waren seine Rede sowie weitere Äußerungen in der Form von Toasts am 5. Mai 1941 außerordentlich bezeichnend formuliert. Allein der Empfang für die Absolventen der Militärakademien wurde mit großer Geheimhaltung inszeniert, als ob beabsichtigt wäre, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen und die Wichtigkeit dieser Maßnahme zu unterstreichen. Die Erklärungen Stalins waren nicht für eine weitergehende Veröffentlichung in der Presse bestimmt. Gleichzeitig konnten sie kein großes Geheimnis bleiben, weil an dieser Veranstaltung Absolventen von 16 Militärakademien und 9 Militärfakultäten teilnahmen und einen Kreis von mehreren Hundert Zuhörern bildeten. Es entsteht der Eindruck, dass die Zuhörer direkt dazu aufgefordert wurden, nicht darüber zu schweigen, sondern das Wesentliche dieser Reden in den Truppenteilen zu verbreiten.

Bei Betrachtung der in mündlicher und schriftlicher Form erhaltenen Informationen verglich Stalin in seiner 40-minütigen Rede die Vorzüge und Nachteile der Armeen beider Länder, wobei er betonte, dass die Rote Armee in keiner Weise mehr hinter der Wehrmacht zurücksteht. Er deutete unmissverständlich an, dass das faschistische Deutschland gegen die Sowjetunion aggressive Absichten hegt und dass der Krieg unvermeidlich heranrückt. Es könne allerdings mit etwas Glück der Beginn des Krieges noch etwas hinausgezögert werden, aber die Rote Armee sei stärker geworden. Sie sei in der Lage, von der Verteidigung zur Offensive überzugehen und sie müsse in diesem Sinne erzogen werden. Die Rede war erstaunlich offen. Die Umgebung Stalins verstand den Sinn der Rede darin, den Militärangehörigen Zutrauen in die eigenen Kräfte zu vermitteln.

Über die Ziele dieses „Spektakels“ kann man nur Vermutungen anstellen. Die Erörterungen Stalins waren wahrscheinlich auch an die deutsche Regierung gerichtet, die ein zusätzliches Signal erhalten sollte. Botschafter Schulenburg interpretierte dieses Ereignis gleich als Bestreben, die Beziehungen zu Deutschland zu verbessern. Der Botschafter übermittelte nach Berlin seine Überzeugung, dass Stalin danach strebe, „die Sowjetunion vor einem Konflikt mit Deutschland zu bewahren“.

 Man kann tatsächlich mit hoher Wahrscheinlichkeit feststellen, dass Stalin unmittelbar vor dem Krieg einen solchen „Kompromiss“ anstrebte. Es war nicht so, dass Stalin die Berichte über die Vorbereitungen auf einen Überfall einfach ignorierte; er legte diese Meldungen auf seine eigene Art aus. Er sah darin Ablenkungsmanöver vor einer Operation gegen Großbritannien sowie ein Mittel der Druckausübung gegen die Sowjetunion. Diese Überzeugung wurde auch durch Meldungen bestärkt, wonach Deutschland der Sowjetunion irgendein Ultimatum unterbreiten wird mit ökonomischen, territorialen oder politischen Forderungen. Der sowjetische Boschafter Dekanosow berichtete in seinem ausführlichen Brief vom 4 Juni an Molotow über eine Vielzahl von Gerüchten in der deutschsprachigen Presse und unter den diplomatischen Vertretern in Berlin über einen angeblich in Vorbereitung befindlichen neuen Vertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion, über einen gemeinsamen Gegenschlag gegen England, über eine „Verpachtung der Ukraine“. Insgesamt war die Aussage aller Mitteilungen, dass Deutschland die Sowjetunion zu politischen und ökonomischen Zugeständnissen zwingen werde, die eine Hilfe für den Sieg über England, das Vereinigte Königreich sein werden.

 Derartige Desinformationen wurden speziell von den Deutschen verbreitet. Sie gelangten über Umwege, in der Regel über dritte Länder, nach Moskau. Diese Nachrichten waren vermeintliche Bestätigungen für Meldungen unmittelbar aus Berlin. Die genannten Forderungen sahen wahrheitsgetreu aus. Genannt wurden Erhöhungen der Lieferungen von Getreide und Rohstoffen, Beitritt zu dem Drei-Mächte-Pakt, technische Hilfe für den Krieg mit England. All dies sollte Stalin in seiner Überzeugung bestärken, dass Hitler nur an dem Sieg über England interessiert sei.
Jedenfalls erwartete man in Moskau bis zu dem Kriegsausbruch derartige Forderungen. Von Bedeutung ist, dass diese Überzeugungen nicht nur auf Gerüchten und Vermutungen fußten, sondern auch vom Verhalten des deutschen Botschafters genährt wurden. Er handelte aus eigener Initiative, um einen sowjetisch-deutschen Konflikt zu verhindern. Die Information Schulenburgs hatte für Stalin, wie neu zugängliche Dokumente zeigen, eine prinzipielle Bedeutung.

 Am 5. Mai 1941; also am gleichen Tag, an dem Stalin auf dem Abendempfang seine Rede hielt, hatte Schulenburg zusammen mit dem Botschaftsrat Hilger ein Treffen mit dem UdSSR- Botschafter in Deutschland Dekanosow. Schulenburg sagte Dekanosow, der sich zu dieser Zeit in Moskau aufhielt, dass es ihm bei seinem letzten Treffen am 28. April mit Hitler nicht gelungen sei, ihn von den freundschaftlichen Absichten der Sowjetunion zu überzeugen.
Infolgedessen hätte Hitler, so waren die Worte des Botschafters, den Eindruck gewonnen, dass Moskau danach strebe, die Verwirklichung der existenziellen Interessen Deutschlands zu behindern und dem Streben Deutschlands nach einem Sieg über England entgegenzuwirken. Aus diesem Grund wäre Deutschland, so Hitler wörtlich, gezwungen, Sicherungsmaßnahmen an seiner Ostgrenze zu ergreifen. Schulenburg sagte, dass in Berlin und überhaupt in Deutschland in der letzten Zeit zunehmend Gerüchte über einen Krieg der Sowjetunion gegen Deutschland Verbreitung fänden. Schulenburg sagte über sich, dass er immer nach freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern gestrebt habe. Er sähe deshalb seine Aufgabe darin, diesen Gerüchten entgegenzuwirken. In den Aufzeichnungen Dekanosows wird erwähnt, dass sich Hilger dieser Feststellung anschloss, obwohl er während des gesamten Gesprächs Schulenburg korrigierte und ergänzte, wiewohl er „offensichtlich die Weisungen Berlins besser verstanden habe“. Hilger führte aus, man müsse etwas unternehmen, um diese Gerüchte zu zerstreuen. Schulenburg wiederholte ebenfalls den Gedanken, dass etwas unternommen werden müsse, um die Gerüchte zu zerstreuen, denn diese müssten „als Faktum Berücksichtigung finden“. In Anbetracht der Unaufschiebbarkeit des Problems bestand Schulenburg auf einem weiteren Treffen.

Dieses Treffen fand am 9. Mai im sowjetischen Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten statt, aber bereits ohne Hilger. Erneut ging es in dem Gespräch über die in der letzten Zeit aufgetauchten sowjetisch-deutschen Widersprüche sowie um die Kriegsgerüchte. Dekanosow schlug als mögliche Handlung die Abfassung eines gemeinsamen Kommuniques vor, in dem derartige Gerüchte als unbegründet zurückgewiesen würden. Schulenburg, der keinerlei Vollmachten hierfür besaß, hielt es für wichtig, dass die Initiative von Stalin ausginge. Er machte deshalb einen Gegenvorschlag. Stalin könne sich doch in Verbindung mit seiner Ernennung zum Vorsitzenden der sowjetischen Regierung mit Briefen an die Vorsitzenden der Regierungen mehrerer mit der UdSSR befreundeter Länder wenden und in seinem Brief an Hitler ein gemeinsames deutsch-sowjetisches Kommunique vorschlagen. In Anbetracht der gebotenen großen Eile könne dem Brief bereits ein Entwurf mit dem ungefähren Inhalt des Kommuniques beigelegt werden. Bei seinem Weggang bat Schulenburg darum, seinen Vorschlag Molotow zu Kenntnis zu bringen und das Gespräch am nächsten oder übernächsten Tag weiterzuführen. Dekanosow versprach Schulenburg, ihn zur Abstimmung der Zeit des nächsten Treffens anzurufen. Dieses fand am 12. Mai 1941 erneut in Anwesenheit von Hilger statt.

 Stalin und Molotow nahmen nach dem Gespräch Dekanosows an, dass ein Austausch von Briefen zur Verbesserung der gegenseitigen Beziehungen Erfolgsaussichten haben könnte. Heute ist klar, dass in Anbetracht des irrtümlichen Eindrucks von Dekanosow, wonach Schulenburg und Hilger auf Weisung Berlins handelten, die sowjetische Führung nicht erahnen konnte, dass der deutsche Botschafter ein eigenes Spiel gewagt haben könnte, schon gar nicht gegen die Absichten Hitlers. Später gestand Schulenburg allerdings Dekanosow, dass er mit ihm privat gesprochen habe. Er könne deshalb diese Verhandlungen in Moskau mit Molotow nicht weiterführen, weil er dazu von seiner Regierung nicht bevollmächtigt sei und sogar Zweifel habe, ob er eine solche Vollmacht bekäme. Stalin und Molotow sollten deshalb die Initiative ergreifen, damit er die Möglichkeit erhielte, Berlin über die von sowjetischer Seite eingegangenen Vorschläge zu informieren.

Stalin und Molotow reagierten nicht auf diese Demarche (diplomatischer Akt der Wahrung – evtl. bedrohter – Interessen – d. Übers.). Die Initiative von Schulenburg und Hilger (er erhob im Weiteren Anspruch darauf, Initiator dieser Aktion gewesen zu sein) wurde als eine „Warnung“ gegenüber der Sowjetregierung aufgefasst, Deutschland plane einen Angriff. Heute lässt sich recht leicht erklären, weshalb Stalin und Molotow nicht reagierten: An dem Tag, an dem Dekanosow im Auftrag von Stalin und Molotow Schulenburg anbot, die Idee eines Austauschs von Briefen mit einem gemeinsamen Kommunique zu beraten, erschienen in England erste Meldungen über die Landung von Hess in Schottland. Am darauffolgenden Tag erhielt Stalin praktisch gleichzeitig das Protokoll des Gespräches von Dekanosow mit Schulenburg zusammen mit der Nachricht über die Landung von Hess in England. Dieser geheimnisvolle Flug vom 10. Mai 1941 rief in Moskau größte Befürchtungen hervor. Über diese Aktion wurden in der ganzen Welt Vermutungen angestellt und auch Moskau machte keine Ausnahme. Erneut tauchte das Gespenst einer Annäherung zwischen Deutschland und England auf, die von Stalin sehr befürchtet wurde. Kennzeichnend ist die einzige Rotstiftunterstreichung von ihm eines einzigen Satzes, in dem Schulenburg ohne jeglichen Hintergedanken die Vermutung formulierte, dass in kurzer Zeit Deutschland und England wahrscheinlich zu einer Übereinkunft gelangen werden.

 Plötzlich schien es, dass diese Zeit schneller gekommen sei, als erwartet wurde. Nach seiner Rückkehr nach Berlin sandte Dekanosow am 21. Mai Molotow einen Bericht mit dem Titel „Vorläufige Angaben zu dem Vorfall mit Hess“, der natürlich sofort an Stalin weitergegeben wurde. In diesem Bericht wurden die damals vorhandenen offiziellen Mitteilungen, Gerüchte und in den diplomatischen Kreisen bestehenden Vermutungen zusammengefasst. Dekanosow dramatisierte in seinem Bericht nichts, aber auch der ruhige Ton seiner Darlegungen hatte bei den Moskauer Adressaten noch bedrohlichere Eindrücke hervorgerufen, weil er alle von der geheimnisvollen Aktion ausgelösten Befürchtungen bestätigte. Der Botschafter sah in dem „Vorfall mit Hess“ einen Fingerzeig auf Widersprüche in den deutschen Regierungskreisen im Hinblick auf den weiteren Kurs der Außenpolitik sowie Anzeichen eines starken Strebens nach Frieden mit England. Er erwähnte in diesem Zusammenhang ebenfalls die Zunahme der antisowjetischen Propaganda und Stimmungen in Deutschland. Gerade diese Sätze des Dekanosow-Berichts hatte Stalin unterstrichen.
Ebenso besorgniserregende Berichte trafen aus London ein. Wir wissen heute, dass die britische Regierung keine Geheimverhandlungen mit Hess geführt hatte, aber sie machte absichtlich keine Mitteilungen über die Vorgänge. Dieses Theater wurde vor allem wegen Moskau inszeniert, das erschreckt auf ein faktisches Bündnis mit Berlin verzichten sollte. Da London nicht genau wusste, ob Hitler die Sowjetunion überfallen oder sie lediglich erschrecken und zu Zugeständnissen zwingen wollte, war das von Großbritannien begonnene Spiel außerordentlich riskant.

 Die Bereitschaft der sowjetischen Seite zu Zugeständnissen lässt sich nicht nachprüfen. Aber die widersprüchlichen Ereignisse im Mai 1941 vertieften nur den Argwohn Stalins, dass diese ganze Geschichte ein Versuch Hitlers sein könnte, mit England Frieden zu schließen und vielleicht sogar mit ihm den Kampf gegen den „Bolschewismus“ zu führen. Stalin hatte tatsächlich die Orientierung verloren und wusste nicht, wie er handeln sollte. Die Teilmobilisierung im Mai und im Juni konnte die Rote Armee nicht stärken. Die Truppen waren nicht mobil gemacht, die militärische und taktische Ausbildung der Neueingezogenen ließ zu wünschen übrig. Außerdem erhielten die Neueingezogenen noch keine Waffen. Die Handlungsstrategie war niemandem klar.

 Einige Autoren erklären das Verhalten Stalins mit einem angeblichen persönlichen Schriftverkehr zwischen den beiden Staatsmännern. Einige derartige (mit Verlaub zu sagen) „Briefe“ wurden im Internet und auch in der pseudowissenschaftlichen Literatur veröffentlicht. Dennoch existieren keine archivarischen oder sonstige indirekte Hinweise, die diese Version bestätigen würden. Es gibt aber viele Gründe für die Annahme, dass die TASS-Erklärung vom 13. Juni eine im Grunde genommen verspätete Reaktion auf die Initiative von Schulenburg und Hilger vom 5. Mai ist. Die Mitteilung wurde von Stalin unter Verwendung von Ideen und Vorschlägen Schulenburgs verfasst. Diese Erklärung widersprach den Gerüchten über Spannungen in den sowjetisch-deutschen Beziehungen sowie angeblich von Deutschland erhobenen Forderungen beziehungsweise Kriegsabsichten. Am Abend des 13 Juni wurde die TASS-Erklärung im Rundfunk verlesen und am nächsten Tag in den Zeitungen veröffentlicht.

 Stalin und Molotow erwarteten definitiv eine Antwort. Dem diente auch die vorherige Übergabe des Textes der TASS-Erklärung an Schulenburg. Die Antwort erfolgte am frühen Morgen des 22. Juni, nachdem der Überfall bereits erfolgt war und der erschütterte Schulenburg Molotow sein tiefgehendes Bedauern über eine solche Entwicklung der Ereignisse erklärte. Allerdings war Stalin immer noch der Ansicht, dass er Hitler besser als diejenigen verstehe, die von Krieg sprachen. Sogar nach dem Beginn der deutschen Offensive verhielt er sich einige Zeit zu den Ereignissen noch so, als wäre es eine Provokation deutscher Militärs, die Hitler zu einem Krieg gegen die Sowjetunion nötigen wollten. Diese Politik des führenden sowjetischen Staatsmannes kostete dem Land Millionen Menschenleben.

 

Übersetzung aus dem Russischen  Eugen Neuber


Vortrag von
 Werner G. Fischer

Zur Auseinandersetzung mit dem faschistischem deutschen Überfall auf die Sowjetunion und dem Krieg im Osten 1941-1945 seit 2001

 

Ich möchte mich bei der Darstellung der Erforschung, der Verbreitung und der Auswirkungen des faschistischen deutschen Überfalls auf die Sowjetunion auf die letzten 10 Jahre beschränken. Für die Zeit vorher verweise ich auf den Forschungsbericht von Rolf-Dieter Müller und Gerd R. Ueberschär „Hitlers Krieg im Osten 1941-1945“ aus dem Jahr 2000.[1] Dieser Forschungsbericht kommt zwar zum Schluss, dass die Arbeiten der Historiker der Sowjetunion, der Osteuropäischen Länder bis 1990 und auch danach vor allem unter dem Einfluss des Marxismus-Leninismus „für die Erforschung der historischen Wahrheit wertlos“ seien. Im Einzelnen können die Autoren aber weder an den Quellenpublikationen noch an speziellen  Forschungsergebnissen etwa der DDR-Historiker vorbeigehen. Eine weitere wichtige Veröffentlichung, die im Zuge der Auseinandersetzung mit der Wehrmachtsausstellung erschien, ist das Buch von Wolfram Wette „Die Wehrmacht“ aus dem Jahr 2002.[2] Es enthält u.a. neben einer Darstellung der „Feindbilder Russland, Sowjetunion und Bolschewismus“ und über „Wehrmacht und Judenmorde“ eine tiefgreifende Darstellung über die Entstehung der Legende von der „sauberen Wehrmacht“ und der Auseinandersetzung mit ihr bis zum Jahr 2001.


Generell kann man sich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass der faschistische deutsche Überfall auf die Sowjetunion und der Krieg gegen die Sowjetunion in den letzten 10 Jahren keine bedeutende Rolle in der Wissenschaft und der öffentlichen Meinung der Bundesrepublik mehr spielt, besonders seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts. Deutlich wird dies auch, dass es neben unserem Kolloquium nur noch zwei weitere kleine Konferenzen gab  (Seelow und Köln). Die großen wissenschaftlichen Institutionen (Institut für Zeitgeschichte München, Militärgeschichtliches Forschungsamt und die von ihnen getragenen Forschungskommissionen) oder Universitäten übergehen das Datum mit Schweigen. In den bundesdeutschen Verlagen sind, soweit sich dies ermitteln ließ, in diesem Jahr lediglich zwei Neuerscheinungen[3] und einige Neuauflagen aus dem vorhergehenden Jahrzehnt zu dem Thema erschienen bzw. werden erscheinen. Kaum eine der russischen Veröffentlichungen der letzten Jahre, darunter auch keiner der wichtigen Dokumentenbände, wurde übersetzt,  bzw. von der Mehrheit der deutschen Wissenschaftlern und Publizisten überhaupt zur Kenntnis genommen. Der schon zitierte Rolf–Dieter Müller, Leiter der Abteilung „Zeitalter der Weltkriege“ im MGFA Potsdam, schreibt, dass die Öffnung der russischen Archive Anfang der  neunziger Jahre viele Hoffnungen geweckt hätten. Sensationelle Entdeckungen blieben aus, die wichtigsten Enthüllungen seien nur eine Bestätigung des im Westen vorhandenen Wissens. Eine wirkliche Überraschung sei dagegen die Entwicklung einer nationalen Geschichtsforschung in den baltischen Staaten, Polens und der Ukraine. Man müsse sich fragen, ob „wir uns nicht allzu einseitige Betrachtung des deutsch-sowjetischen Krieges geleistet haben.“[4] Es wird noch darauf zurückzukommen sein.

Das heißt natürlich nicht, dass in den letzten 10 Jahren keine wissenschaftlichen und öffentlichen Debatten über den Krieg gegen die Sowjetunion geführt wurden. Im Mittelpunkt stand weiterhin die Debatte über die Verbrechen der Wehrmacht, in Fortführung der Auseinandersetzung über die Wehrmachtsausstellung von 1995-1999 (900 000 Besucher) und deren Neukonzeption unter dem Titel „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944“ vom 27. November 2001 bis zum 31. März 2004 in 11 Orten gezeigt (ca. 400 000 Besucher) und danach im Deutschen Historischen Museum Berlin eingelagert. Parallel zur zweiten Ausstellung gab es eine Vielzahl von Forschungsprojekten, darunter eines des Instituts für Zeitgeschichte München zur Wehrmacht. Man könnte den Spieß nun umdrehen und den Vorwurf erheben, dass diese Forschungen nichts wesentlich neues gebracht hätten, sondern die These vom „Raub- und Vernichtungskrieg“ eigentlich nur weiter illustriert hätten. Das soll hier nicht geschehen. In den Arbeiten, die sich mit dem Krieg gegen die Sowjetunion beschäftigen, wird herausgearbeitet, dass alle Institutionen des faschistischen Deutschlands, also Wehrmacht, SS, Polizei, zivile Besatzungsverwaltung und ihre Kollaborateure an der Vernichtung der Juden, am Mord an den sowjetischen Kriegsgefangenen und am Hungertod von Teilen der zivilen Bevölkerung im besetzten Teil der Sowjetunion beteiligt waren. Dies wird detailliert für die baltischen  Gebiete, für Weißrussland und die Ukraine nachgewiesen.[5] Spezielle Studien betreffen die führenden Militärs (Halder, Wagner), die Oberbefehlshaber der Heeresgruppen, der Armeen und die Befehlshaber der rückwärtigen Heeresgebiete).[6] Eine Arbeit von Jörg Ganzenmüller über das belagerte Leningrad, unterscheidet sich von den meisten anderen Studien dadurch, dass sie auch die sowjetische Seite, also Führung und Bevölkerung in Leningrad, in die Darstellung einbezieht.[7] Als ein Hauptstreitpunkt hat sich in der Debatte herausgeschält, ob die verbrecherischen Maßnahmen von vornherein im Einsatz der Wehrmacht gegen die Sowjetunion intentiert sind (Intentionalisten) oder ob sich die Kriegführung und Besatzungsherrschaft unter dem Eindruck der Umstände radikalisiert habe (Situationisten). Für die letzte Annahme steht u.a. die Arbeit von Klaus Jochen Arnold.[8] Die Berliner Gesellschaft hat sich mit Arnold dazu auseinandergesetzt (siehe Internetseite der Berliner Gesellschaft). Mit der Krim beschäftigen sich eine Studie über die deutsche Herrschaft dort und zwei Biographien Mansteins[9]. Besonders hervorgehoben werden soll eine Studie über den Kommissarbefehl. Der Autor Felix Römer argumentiert, dass der Kommissarbefehl zu einem Befehlskomplex gehörte, der bereits vor dem Überfall auf die Sowjetunion den bevorstehenden Krieg planmäßig in einen ideologisierten Vernichtungskampf transformierte.[10] Römer weist akribisch nach, dass entgegen der immer wieder gebrauchten Legende, die Mehrheit der Kommandeure und Befehlshaber habe den Befehl ignoriert, mindestens 80 Prozent aller im Krieg gegen die Sowjetunion eingesetzten Divisionen den Befehl umgesetzt haben und ihm Tausende sowjetischer Soldaten und Zivilisten zum Opfer fielen. Römer kommt zum Schluss, dass etwa 10 000 Politkommissare von der Wehrmacht jeweils etwa zur Hälfte im Frontbereich und im rückwärtigem Heeresgebiet bzw. den Dulags exekutiert wurden. Er verweist auf ein Phänomen, dass mir bisher nicht bewusst war und m. E. verdient hervorgehoben zu werden: die relativ geringe Anzahl der 1941 in deutsche Gefangenschaft geratenen sowjetischen Offiziere. Bei den etwa 3, 5 Millionen Gefangenen bis Frühjahr 1942 habe es nur 16 000 Offiziere gegeben, ohne die Politoffiziere. Die Offiziere und Politkommissare hätten entweder bis zu ihrem Tode gekämpft oder sich der Gefangenschaft weitgehend entzogen.[11]   

Die Auseinandersetzung um die Präventivkriegsthese wurde, wenn auch sehr verhalten, auch im letzten Jahrzehnt weitergeführt. Die überwiegende Mehrheit der bundesdeutschen Historiker lehnt sie, gestützt auf die quellengesättigten Forschungen, rigoros ab. Die Revisionisten und die offen rechtsradikalen Kreise halten zäh an ihnen fest und haben in der bundesdeutschen Öffentlichkeit und nicht nur über den Stammtischen, durch zahlreiche Neuauflagen der Bücher etwa von Viktor Suworow, von Werner Maser u.a. Revisionisten eine gewisse Hoheit. Vor allem in Internetforen gibt es eine nicht geringe Anhängerschar dieser These, offensichtlich vor allem unter Jugendlichen.

Eine neue Variante der alten Diskussionen bietet der Deutsch-Pole Bogdan Musial in seinem Buch „Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen“[12]. Musial, einer der heftigsten Gegner der ersten Wehrmachtsausstellung, breitet eine besondere Variante der Totalitarismus-Doktrin aus, indem er behauptet, dass die „bolschewistische Führung“ der Sowjetunion bereits in den zwanziger Jahren, aber verstärkt in den dreißiger Jahren den Angriff auf Deutschland und auf Polen vorbereitet habe und zwar als „Vernichtungskrieg“. 1940 und 1941 habe es konkrete Kriegsvorbereitungen Stalins und der sowjetischen Führung gegen Deutschland gegeben, einen Termin für einen geplanten sowjetischen Angriff will er nicht nennen. Da aber Hitler diese Kriegsvorbereitungen nicht erkannt habe, sei der deutsche Angriff auf die Sowjetunion eben kein Präventivkrieg. Das Hauptanliegen Musials ist aber, die sowjetische Politik gegenüber Polen, dem Baltikum, der Ukraine und auch gegenüber Deutschland sowohl vor 1941 als auch ab 1944 als Okkupationspolitik zu denunzieren, die praktisch bis zum Ende der Sowjetunion andauerte. Wenn ihm auch viele Mainstream-Historiker der Bundesrepublik in seiner Argumentation zum immer geplanten Angriffskrieg der Sowjetunion auf Deutschland nicht folgen wollen (das ist manchen doch zu abstrus), so treffen sie sich doch in der Totalitarismus-Doktrin. Daher sind seine Studien zum Partisanenkrieg im Gebiet des heutigen westlichen Belarus und im Gebiet Bialystok sehr willkommen.[13]  Der sowjetische Partisanenkrieg ist ein Gebiet, auf dem man die Totalitarismus-Doktrin gut anwenden kann, nachdem einerseits die sowjetischen Partisanen nicht mehr einfach als kriminelle Banden dargestellt werden können, wie es jahrzehntelang in der Bundesrepublik geschah. Andererseits wollen einige bundesdeutsche Historiker das weiterhin in Russland, in Belarus und auch z.T. in der Ukraine vorhandene Gedächtnis an die Partisanen als Teil des „Volkskrieges gegen die Okkupanten“ erschüttern. Dies erklärt Bogdan Musial in seinem Buch „Sowjetische Partisanen 1941-1944.Mythos und Wirklichkeit“ ausdrücklich als sein Ziel.[14]  Ähnliche Anliegen verfolgten u.a. Bernhard Chiari und Alexander Brakel.[15]

Ein weiterer Schwerpunkt, bei dem sich unterschiedliche Zielsetzungen zeigen, ist das Thema „Kollaboration mit den Besatzern“. Über die Ursachen der umfangreichen Kollaboration besonders im Baltikum und in der Ukraine, z.T. auf der Krim und unter turkstämmigen Völkern in der Sowjetunion gibt es sehr unterschiedliche Annahmen. Einerseits wird für die Gebiete, die erst seit 1939 der Sowjetunion eingegliedert wurden, ein „nationaler Kampf gegen sowjetische Besatzung“ konstatiert. Auf der anderen Seite wird insbesondere bei den Kriegsgefangenen, die ohne Zweifel die Masse der „Hilfswilligen“ bzw. der „Ostverbände“ in der Wehrmacht bildeten, deren verzweifelte Lage im Winter 1941/42 durch Erschießungen, Hunger und Krankheiten, als wesentliche Ursache eingeräumt. Das Thema, welches gegenwärtig in der Debatte in Russland eine große Rolle spielt, kann hier nicht weiter verfolgt werden, es bedarf einer eigenen Untersuchung.

Das Thema „Ziele, Planung und Durchführung des Krieges Hitlerdeutschlands gegen die Sowjetunion“ spielte im vergangenen Jahrzehnt nur eine nachgeordnete Rolle in der Geschichtsschreibung und in der öffentlichen Wahrnehmung. Es sei daran erinnert, dass der spezielle Band 4 zum Angriff auf die Sowjetunion in dem vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr herausgegebenen Reihenwerk „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“ bereits 1983 herausgekommen ist (1996 unverändert als Fischer-Taschenbuch erneut erschienen). Im letzten Jahrzehnt ist keine selbständige Arbeit über den Krieg gegen die Sowjetunion 1941-1945 erschienen. Dieser Krieg wurde nur in übergreifenden Werken zum Zweiten Weltkrieg insgesamt und in den weitgehend von der Totalitarismus-Doktrin geprägten Vergleichen zwischen Hitler und Stalin thematisiert. Eine sehr wichtige Rolle dabei spielt ohne Zweifel der Leitende Wissenschaftliche Direktor und Abteilungsleiter „Zeitalter der Weltkriege“ im MGFA Potsdam, Rolf-Dieter Müller, nebenamtlich Professor an der Humboldt-Universität. Müller war bereits 1983 bei der Erarbeitung des schon erwähnten Bandes 4 „Der Angriff auf die Sowjetunion“ dabei. Er leitete die Herausgabe der letzen drei Bände (eigentlich 5 mit 5210 Seiten insgesamt) der Reihe „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“, die zwischen 2004 und 2008 herauskamen. Es kann hier keine ins Einzelne gehende Kritik an diesem als „Jahrhundertwerk“ gepriesenen Opus geübt werden, an dem zahlreiche Autoren beteiligt waren, aber auch zahlreiche Autoren aus unterschiedlichen Gründen ausschieden.
[16] Rolf-Dieter Müller hat auf dieser Grundlage die in der wissenschaftlichen Forschung als grundlegend angesehenen Zusammenfassungen „Der letzte deutsche Krieg 1939-1945“ und für die 10. Auflage von „Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte“ den Band 21 „Der Zweite Weltkrieg 1939- 1945“ verfasst.[17] Aus diesen und den bereits früher genannten Werken und aus eigenen Worten in der Öffentlichkeit wird deutlich, dass Müller das Thema Krieg des faschistischen Deutschlands gegen die Sowjetunion im wesentlichem für abgeschlossen hält. In einem Interview mit dem Spiegel (Heft 15/2008 vom 07.04.2008) erklärt er Hitler zur zentralen Figur, der die Entscheidungen weitgehend allein traf und seit 1933 den Krieg vorbereitete: „Die Perspektive auf Hitler als Person, als Motor des Ganzen, ist deutlicher und intensiver geworden. Sämtliche Erklärungen, die versucht haben, seine Rolle zu relativieren, sind widerlegt.“ Verbreitet sei auch eine bis in die Mitte der westdeutschen Gesellschaft reichende marxistische Deutung gewesen, die hinter Hitler den deutschen Imperialismus, das Großkapital als die eigentlichen Triebkräfte zu erkennen glaubte. Das sei nun eindeutig widerlegt. Hitlers Interventionen als Feldherr seien noch dilettantischer und seine strategischen Visionen noch abenteuerlicher gewesen als bislang angenommen gewesen. Er habe es aber geschafft, die deutsche Militärmaschine bis Mai 1945 am Laufen zu halten, obwohl ihm seit Dezember 1941 bewusst war, dass er den Krieg nicht gewinnen würde. In seinen Überblickswerken zum Zweiten Weltkrieg hatte Müller bereits den Krieg gegen die Sowjetunion zu „Hitlers eigentlichem Krieg“ mit seinen verbrecherischen Mitteln und Zielen erklärt. Niemand habe Hitler zu diesem Krieg gedrängt, es sei seine alleinige Entscheidung gewesen.[18]  Müller kommt zwar nicht umhin festzustellen, der deutsch-sowjetische Krieg habe im Zentrum des Zweiten Weltkrieges gestanden, „hier erstritt die Wehrmacht ihre größten Siege und erlitt ihre verheerendsten Niederlagen. Hier verlor die Wehrmacht ihren kurzen Ruhm und ihre Mitverantwortung für Massenmord und Vernichtungskrieg wurden am deutlichsten erkennbar“. Der Krieg gegen die Sowjetunion sei kein Präventivkrieg, sondern ein verbrecherischer Raub- und Eroberungskrieg gewesen.[19] Obwohl Müller fordert, dass nach dem Ende der Sowjetunion die Geschichte des Zweiten Weltkrieges in Rußland als Nationalgeschichte nach wissenschaftlichen Standards neu geschrieben werden müsse, nimmt er von neuen Ergebnissen kaum Kenntnis, sondern verbreitet alte Legenden (so etwa von der Kenntnis Stalins von den Plänen des deutschen Überfalls, die er aber nicht berücksichtigt habe, oder von dem zeitweiligen Rückzug Stalins nach dem deutschen Überfall von der Führung). Er stellt fest, dass die Blitzkriegsstrategie bereits im Sommer 1941durch den heftigen Widerstand der Roten Armee in Frage gestellt war. Dann stellt er aber die Frage: Habe nicht die „erfolgreiche Strategie Großbritanniens den Verlauf des Krieges stärker beeinflusst als die perfide Politik Stalins?“[20]. Während er die Zahl der Opfer der Sowjetunion auf die totalitäre Politik Stalins und der Kommunisten und deren Verbrechen zurückführt, könne man sich jetzt aber auch unbefangener der deutschen Opferperspektive zuwenden.[21] Müller spricht sich gegen Rücksichten auf nationalen Befindlichkeiten (offensichtlich in Russland) und für ein „Ende der Ära des Gedenkens und der kultivierten Geschichtsvermarktung“ als der notwendigen Voraussetzung  für neue Chancen in der wissenschaftlichen
Arbeit aus.[22]

In den letzten Jahren hat sich in der deutschen Geschichtswissenschaft und in der damit zusammenhängenden Publizistik die Tendenz verstärkt, der sowjetischen Seite, auch und gerade den Nachfolgestaaten Russland und der Republik Belarus den Begriff des „Großen Vaterländischen Krieges“ abzusprechen. Die Ziele und Mittel der Sowjetunion  unter der Führung Stalins und der Kommunisten im Krieg 1941-1945 seien den faschistischen deutschen Zielen ähnlich gewesen, es sei um Herrschaft und um Expansion gegangen, von einem „vaterländischen“ Krieg könne keine Rede sein. Es scheint, als ob damit vor allem die Erinnerung an den Sieg in diesem Krieg getroffen werden soll.[23]  So kritisiert auch der Direktor des „Deutsch-russischen Museums“ in Karlshorst, Jörg Morré, dass insbesondere der russische Staat und die staatsnahe Öffentlichkeit sich mehr dem Sieg über das faschistische Deutschland widmen (so 2005 und 2010), als sich mit dem Beginn  des Krieges 1941 und den individuellen Opfern zu beschäftigen.[24] Morré kommt zum Schluss, dass eine Übereinstimmung beim Gedenken zwischen Russland und Deutschland nicht möglich sei, da über unterschiedliches gedacht werde. Höchstens ein „gemeinsames Gedenken über Gräbern“ sei möglich.

Die Individualisierung sowohl der Opfer als auch der Täter nimmt bei den Darstellungen über den Krieg gegen die Sowjetunion und im Besonderen beim Gedenken zu. Die Personen und ihr Handeln werden zunehmend aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen herausgelöst
. Das kommt dem Gedenken an die sowjetischen Kriegsgefangenen zu gute, aber gleichzeitig werden sie und die deutschen Kriegsgefangenen als Opfer des Totalitarismus auf die gleiche Ebene gehoben.

Von bundesdeutscher Seite wird sowohl Russland als auch den baltischen Ländern und der Ukraine beim Gedenken an den Zweiten Weltkrieg häufig der Vorwurf gemacht, dass nicht des Holocaust gedacht werde, also des spezifischen Gedenkens an die Ermordung der Juden. Bei den baltischen Staaten wird für die „nationalen Geschichtsschreibung“ nach 1990 dagegen zum Beispiel hervorgehoben, dass sie an der Seite der Wehrmacht durchaus einen nationalen Selbstbehauptungskampf geführt habe, doch müsse sie auch die Ermordung der Juden anerkennen. Eine ähnlicheStrategiewird von den bundesdeutschen Vertretern auch in den Internationalen Historikerkommissionen in Lettland, Litauen und Estland verfolgt.[25]

Zusammenfassend kann man feststellen, dass der Überfall des faschistischen Deutschen Reiches am 22. Juni 21941 und der Krieg gegen die Sowjetunion in der Überzahl der Darstellungen in der Bundesrepublik unter dem Gesichtspunkt der Totalitarismus-Doktrin behandelt wird. Damit werden Deutschland und die Sowjetunion im wesentlichen auf die gleiche Ebene gestellt und die Niederlage Deutschlands 1945 und das Ende der Sowjetunion gleichermaßen in der Geschichte gerechtfertigt angesehen.



[1] Müller, Rolf-Dieter; Ueberschär, Gerd R.: Hitlers Krieg im Osten 1941-1945 : Ein Forschungsbericht. - Darmstadt : Wiss. Buchges., 2000. - XII, 451 S.

[2] Wette, Wolfram: Die Wehrmacht : Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. - Frankfurt/M. : Fischer, 2002. - 376 S.

[3] Müller, Rolf-Dieter: Der Feind steht im Osten. Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahr 1939. – Berlin Ch. Links Verlag 2011 (Mai). - ca. 300 Seiten;

Hartmann, Christian Unternehmen Barbarossa.Der deutsche Krieg im Osten 1941-1945 (Beck`sche Reihe: bsr - C.H. Beck Wissen;2714) München: C.H.Beck 2011, 128 S.: mit 5 Karten und 6 Bildern

[4] Rolf-Dieter Müller: An der Seite der Wehrmacht. Hitlers ausländische Helfer beim „Kreuzzug gegen den Bolschewismus“ 1941-1945 (Berlin 2007), S.8.

 

[5] Christian Hartmann / Johannes Hürter / Ulrike Jureit (Hg.): Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte. Mit einem Vorwort von Jan Philipp Reemtsma und Horst Möller (= beck'sche reihe; 1632), München: C.H.Beck 2005, 230 S.,

Der deutsche Krieg im Osten 1941 - 1944 : Facetten einer Grenzüberschreitung / Hrsg. von Christian Hartmann .. - München : Oldenbourg, 2009. - IX, 404 S. : Ill., Kt., Tab. - (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte ; 76).

Als Beispiel einer Einzelstudie: Curilla, Wolfgang: Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941 - 1944  Paderborn [u.a.] : Schöningh, 2006. - 1041 S.

[6] Hartmann, Christian: Halder, Generalstabschef Hitlers 1938 - 1942  2., erw. u. aktualisierte Aufl.. . - Paderborn [u.a.] : Schöningh, 2010. - 439 S. -

Hürter, Johannes: Hitlers Heerführer : Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. - München : Oldenbourg, 2006. - VI, 719 S. : Ill., Kt. - (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte ; 66 Zugl.: Mainz, Habil.schr., 2006

Wrochem, Oliver von: Erich von Manstein : Vernichtungskrieg und Geschichtspolitik. - Paderborn [u.a.] : Schöningh, 2006. - 431 S. - (Krieg in der Geschichte ; 27).  Zugl.: Hamburg, Diss., 2005;

Hartmann, Christian: Wehrmacht im Ostkrieg : Front und militärisches Hinterland, 1941/42 - München : Oldenbourg, 2009. - VI, 928 S. : Ill., Tab. - (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte ; 75).

Hasenclever, Jörn: Wehrmacht und Besatzungspolitik in der Sowjetunion : Die Befehlshaber der rückwärtigen Heeresgebiete ; 1941 - 1943 / Jörn Hasenclever. - Paderborn [u.a.] : Schöningh, 2010. - 613 S. : Kt. - (Krieg in der Geschichte ; 48).  Zugl.: Münster, Univ., Diss., 2007 u.d.T.: Hasenclever, Jörn: Gescheitertes Provisorium

Pohl, Dieter: Die Herrschaft der Wehrmacht : Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion ; 1941 - 1944 / Dieter Pohl  2. Aufl.. . - München : Oldenbourg, 2009. - VII, 399 S. : Ill. - (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte ; 71). - ISBN 978-3-486-59174-3  Zugl.: München, Univ., Habil-Schr., 2007. 1. Aufl. 2008

[7] Ganzenmüller, Jörg: Das belagerte Leningrad 1941 - 1944 : Die Stadt in den Strategien von Angreifern und Verteidigern. - Paderborn [u.a.] : Schöningh, 2005. - X, 412 S.  - (Krieg in der Geschichte ; 22).  Zugl.: Freiburg, Diss., 2003

 

[8] Arnold, Klaus Jochen: Die Wehrmacht und die Besatzungspolitik in den besetzten Gebieten der Sowjetunion : Kriegführung und Radikalisierung im "Unternehmen Barbarossa". - Berlin : Duncker & Humblot, 2005. - 579 S. - (Zeitgeschichtliche Forschungen ; 23). Zugl.: Münster, Diss., 2002

[9] Kunz, Norbert: Die Krim unter deutscher Herrschaft (1941 - 1944): Germanisierungsutopie und Besatzungsrealität    Darmstadt : Wiss. Buchges., 2005. - 448 S.  Zugl.: Mainz, gekürzte Diss., 2003

Stein, Marcel: Der Januskopf : Feldmarschall von Manstein ; Eine Neubewertung    Bissendorf : Biblio-Verl., 2004. - XI, 504 S.

Wrochem, Oliver von: Erich von Manstein : Vernichtungskrieg und Geschichtspolitik. - Paderborn [u.a.] : Schöningh, 2006. - 431 S. - (Krieg in der Geschichte ; 27). Zugl.: Hamburg, Diss., 2005

In diesem Zusammenhang sei daran Erinnert, dass Mansteins verlogenen Erinnerungen unter dem Titel „Verlorene Siege“ 2009 in der 18. Auflage erschienen.

[10] Römer, Felix: Der Kommissarbefehl : Wehrmacht und NS-Verbrechen an der Ostfront 1941/42 / Felix Römer. - Paderborn [u.a.] : Schöningh, 2008. - 666 S. Zugl.: Kiel, Diss., 2007, S. 13

[11] Ebenda, S. 562ff.

[12] Musial, Bogdan:  Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen. Berlin: Propyläen 2008. 586 Seiten.

[13] Musial, Bogdan: Sowjetische Partisanen in Weißrußland : Innenansichten aus dem Gebiet Baranoviči 1941 - 1944 / Hrsg. u. eingel. von Bogdan Musial. - München : Oldenbourg, 2004. - 271 S. - (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte ; 88).

Musial, Bogdan: Sowjetische Partisanen, 1941 - 1944 : Mythos und Wirklichkeit. - Paderborn [u.a.] : Schöningh, 2009. - 592 S.

[14] Ebenda, S.13, S.437ff. Dem Buch vorausgegangen ist vom selben Autor eine Studie mit Dokumenten: Musial, Bogdan: Sowjetische Partisanen in Weißrußland : Innenansichten aus dem Gebiet Baranoviči 1941 - 1944 / Hrsg. u. eingel. von Bogdan Musial. - München : Oldenbourg, 2004. - 271 S. - (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte ; 88).

[15] Chiari, Bernhard: Zwischen Hoffnung und Hunger : Die sowjetische Zivilbevölkerung unter deutscher Besatzung. - In: Verbrechen der Wehrmacht : Bilanz einer Debatte / Hrsg.: Hartmann, Christian. - München, 2005. - S. 145-154. Die Ausführungen des führenden Militärhistorikers des MGFA beruhen auf seiner Dissertation: Chiari, Bernhard: Alltag hinter der Front : Kollaboration und Widerstand in Weißrußland, 1941-1944. - Düsseldorf : Droste, 1998. - XIII, 380 S. : Ill., Kt. - (Schriften des Bundesarchivs Koblenz ; 53)

Zugl.: Tübingen, Diss., 1997

Brakel, Alexander: Unter Rotem Stern und Hakenkreuz : Baranowicze 1939 bis 1944 ; Das westliche Weißrussland unter sowjetischer und deutscher Besatzung. Paderborn [u.a.] : Schöningh, 2009. - XII, 426 S. : Ill., Kt., Tab. Zugl.: Mainz, Diss., 2006

[16] Seine eigene Sicht hat Müller hier dargelegt: Müller, Rolf-Dieter: "Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg" : Konzeption und Erfahrungen eines wissenschaftlichen Großprojektes. - In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft ; 56(2008)4. - S. 301-326. Dort schreibt er, dass einer der wesentlichen Antriebe für dieses Projekt die Gegenwirkung gegen die „marxistisch-leninistische“ Arbeit „Deutschland im Zweiten Weltkrieg“  war. Der erste Band erschien 1979, der letzte 2008.

[17] Gebhardt : Handbuch der deutschen Geschichte / Hrsg. von Wolfgang Benz. - 10., völlig neu bearb. Aufl..    Stuttgart : Klett-Cotta, . Bd. 21. Müller, Rolf-Dieter: Der Zweite Weltkrieg 1939 - 1945 / 2004. - XXXIX, 461 S.

Müller, Rolf-Dieter: Der letzte deutsche Krieg, 1939 - 1945. - Stuttgart : Klett-Cotta, 2005. - 415 S. Müller erläutert zu dem Titel, dass Deutschland künftig nur noch an Kriegen in einer Koalition teilnehmen würde.

[18] Rolf-Dieter Müller: Der letzte deutsche Krieg 1939 – 1945, S. 17

[19] Gebhardt : Handbuch der deutschen Geschichte / Hrsg. von Wolfgang Benz 10., völlig neu bearb. Aufl.. . - Stuttgart : Klett-Cotta, Bd. 21. Müller, Rolf-Dieter: Der Zweite Weltkrieg 1939 - 1945 / 2004, S. 124ff.

[20] Rolf-Dieter Müller: Der letzte deutsche Krieg 1939 – 1945, S. 76, 17.

[21] Spiegel 15/2008, S. 52: „Müller: Seit einiger Zeit ist eine größere Offenheit in der deutschen Opferperspektive zu beobachten. Dabei ist das Ausmaß der Verbrechen der Roten Armee an der Zivilbevölkerung gar nicht mehr strittig.

SPIEGEL: Wir finden also bei Ihnen darüber keine neuen Erkenntnisse?

Müller: Doch. Wir legen eine neue Schätzung der Zahl der Zivilisten vor, die von der Roten Armee beim Vormarsch bis Kriegsende ermordet wurden. Sie beläuft sich auf etwa 120 000 Menschen.“

[22]Rolf-Dieter Müller: Der letzte deutsche Krieg 1939 – 1945, S. 18

[23] Bonwetsch, Bernd: Die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg 1941 bis 1945 : Der "Große Vaterländische Krieg". - In: Jahrbuch für historische Kommunismusforschung  (2005). - S. 13-80; besonders S. 19,

[24] Morré, Jörg: Der Große Vaterländische Krieg. Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Russland. In: Militärgeschichte. Zeitschrift für historische Bildung Heft 1 2011, S. 13 – 17, besonders S. 17

[25] Siehe: Iber, Walter M.;  Ruggenthaler, Peter: Drei Besatzungen unter zwei Diktaturen. Eine vorläufige Bilanz der Forschungsarbeiten der Internationalen Historikerkommissionen in Lettland, Litauen und Estland, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (2007), S. 276-296

Vortrag von  Martin Seckendorf

Imperialistischer Eroberungskrieg. Gedanken zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion

 

Am 22. Juni 1941 zwischen 3.00 und 3.30 Uhr fiel Deutschland ohne Kriegserklärung und angesichts eines seit 1939 bestehenden Nichtangriffsvertrages wortbrüchig über die Sowjetunion her. An der riesigen Front zwischen Eismeer und Schwarzem Meer entbrannten in den folgenden Jahren die größten und blutigsten Schlachten des Krieges, entschied sich das Schicksal vieler Staaten und Völker.

Die Naziführung maß dem Überfall ebenfalls diese Bedeutung bei. Hitler betonte am 9. Januar 1941in einem Gespräch mit der Generalität, wenn der Überfall beginne, werde „Europa den Atem anhalten.“[1] Am 3. Februar 1941 meinte er gar, „ die Welt“ werde bei Beginn des Angriffs „den Atem anhalten“.[2] Die in Berlin erscheinende „Zeitschrift für Politik“ bewertete im Dezember 1941 rückblickend den Entschluß zum Überfall auf die Sowjetunion als die „Zentralentscheidung“ des gesamtem Krieges.[3]

Für den Überfall formierte Deutschland die größte Streitmacht der Weltgeschichte. Es wurden mehr als 70 Prozent des deutschen Heeres, darunter 19 der 20 vorhandenen Panzer- und alle 14 motorisierten Divisionen aufgeboten. Insgesamt waren am 22. Juni 1941 mehr als 3 Millionen Soldaten, 600000 Kraftfahrzeuge, etwa 3600 Panzer, mehr als 3900 Flugzeuge und 620000 Pferde bereitgestellt.[4] Den deutschen Verbänden folgten starke finnische, slowakische, ungarische und rumänische Militärkontingente im Umfang von mehr als 600 000 Soldaten.

Die Hauptkräfte des deutschen Heeres waren in drei strategische Großverbände, Heeresgruppen genannt, gegliedert. Die Heeresgruppe Nord sollte in Richtung baltische Sowjetrepubliken gegen Leningrad vorgehen. Der stärkste Verband, die  Heeresgruppe Mitte, hatte den Auftrag, in Richtung Minsk-Smolensk mit dem Endziel Moskau anzugreifen. Gegen die Ukraine mit den Etappenzielen Kiev und Rostow, dem Tor zum kaukasischen Ölgebiet, wurde die Heeresgruppe Süd angesetzt.

 

Mit dem Überfall begann der deutsche Imperialismus mit der Verwirklichung der von maßgebenden Kräften innerhalb der deutschen Eliten seit langem, eigentlich seit dem Ersten Weltkrieg, verfolgten Pläne zur Schaffung eines deutschen Ostimperiums[5] und zur Vernichtung der Sowjetunion als staatliche Basis der kommunistischen Weltbewegung, die als latente Bedrohung aller bürgerlichen Regime empfunden worden war. Als der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Ernst von Weizsäcker von den Plänen für den Überfall erfuhr, meinte er am 28. April 1941, es sei verlockend, dem kommunistischen System den Todesstoß zu geben, warnte aber vor den Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens.[6]  Am 28.Juli 1940 legte der Chef der Operationsabteilung der Seekriegsleitung, Konteradmiral Kurt Fricke dem OKW eine Denkschrift mit dem Titel „Betrachtungen über Rußland“ vor. Darin schrieb er u.a. „der Geist des Bolschewismus“ bedrohe Europa und müsse „in Bälde so oder so“ beseitigt werden.[7]

Für die militärische Realisierung ihrer weit gespannten Ostpläne entwickelte die deutsche Führung spätestens seit der Unterwerfung der Tschechoslowakei im März 1939 recht konkrete Vorstellungen. Dabei beschäftigte sie sich hauptsächlich mit zwei Problemen. Einmal ging es darum, eine ausreichend lange gemeinsame Landgrenze mit der Sowjetunion zu erreichen als geografische Grundvoraussetzung eines großen Krieges gegen die UdSSR. Zum anderen wollte man einen Zweifrontenkrieg vermeiden. Deshalb mußte die deutsche Haltung zu Großbritannien und Frankreich, festgelegt werden. Zusammengefaßt wurden diese Probleme auf einer Beratung Hitlers mit der militärischen Führung am 23. Mai 1939 erörtert.[8] Die Konferenz war zugleich das Ergebnis der sich seit Oktober 1938 abzeichnenden dramatischen Veränderungen im deutsch-polnischen Verhältnis. Bis dahin hatten die Nazis auf der Grundlage des Nichtangriffsvertrages von 1934 versucht, Polen als Verbündeten für einen Krieg gegen die Sowjetunion zu gewinnen. Als sich Polen weigerte, als Juniorpartner des Hitlerregimes aufzutreten, beschlossen die deutschen Führer, das „Problem“ gewaltsam zu lösen. Durch die Unterwerfung Polens sollte nicht nur der „Lebensraum“ nach Osten ausgedehnt, sondern auch eine lange Landgrenze zur Sowjetunion erreicht werden.[9] Deshalb sei Polen, heißt es im Protokoll der Beratung vom 23. Mai 1939 „bei erster passender Gelegenheit anzugreifen“. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass es nicht nur um Polen, sondern auch um die Unterwerfung der baltischen Staaten geht. Damit wäre die lange gemeinsame Landgrenze mit der UdSSR geschaffen. Die Wehrmacht stünde wenige Kilometer vor Leningrad. Außerdem wurde bekräftigt, Großbritannien und Frankreich bei dem Überfall auf Polen „aus dem Spiel“ zu halten. Sollte dies nicht gelingen, wollte man Polen und die Westgegner gleichzeitig angreifen. Frankreich sowie die neutralen Staaten Holland und Belgien sollten besetzt und Großbritannien vom Festland vertrieben werden. Damit, mit der „Besetzung der Gegenküsten“, wäre das vereinigte Königreich nicht in der Lage, auf dem Kontinent zu kämpfen, man hätte bei einer „Weiterentwicklung im Osten“, wie Hitler im Oktober 1939 den vorgesehenen Überfall auf die Sowjetunion umschrieb, keinen Zweifrontenkrieg zu befürchten. Mitte August 1939 bekräftigte Hitler in einem Gespräch mit dem italienischen Außenminister Galeazzo Ciano den militärischen Stufenplan. Deutschland werde den „alten Germanenweg“ nach Osten beschreiten. Zu den Expansionsopfern gehörten Polen, die Ostseeanrainer und dann die UdSSR. Der große Marsch gegen Sowjetunion beginne mit einem Sieg über Polen und danach über den Westen.[10]

Von erheblicher Bedeutung für den Zeitpunkt, an dem die konkrete Entscheidung, der militärische Entschluß zum Angriff auf die SU getroffen wurde, war die Lage im Juni 1940.[11].In einer Denkschrift an den Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, und den Generalstabschef des Heeres, Franz Halder, vom 9. Oktober 1939 hatte Hitler gefordert, die vorgesehenen Operationen gegen Westeuropa müßten die militärische Ausschaltung der Westgegner in einem Ausmaß bringen, dass sie sich einer möglichen deutschen „Weiterentwicklung“ nach Osten nicht mehr entgegenstellen könnten.[12] Gegenüber Großbritannien genüge es nach Meinung der deutschen Führung, die „europäischen Gegenküsten“ zu besetzen und das vereinigte Königreich militärisch „unter Druck“ zu halten. Man spekulierte lange Zeit darauf, mit Großbritannien zu einem Übereinkommen zu gelangen. Hasso von Etzdorf, Vertreter des Auswärtigen Amtes beim Oberkommando des Heeres, informierte Generalstabschef Franz Halder über die Pläne der deutschen Führung: Man suche Kontakt zu Großbritannien, um mit dem Vereinigten Königreich zu einem Übereinkommen „ auf der Basis Teilung der Welt“ zu kommen[13] Sein Vorgesetzter, Staatssekretär Erst von Weizsäcker, meinte zwei Tage später,: „Es wird darauf hinauskommen, dass wir den Engländern anbieten werden, mit einem blauen Auge sich vom europäischen Festland definitiv zu entfernen und dies uns zu überlassen.“[14] Am 30. Juni 1940, als die militärischen Vorbereitungen für den Krieg gegen die Sowjetunion angelaufen waren, Großbritannien aber „hartnäckig“ blieb, notierte Halder in seinem Tagebuch, das Land werde „voraussichtlich noch einer Demonstration unserer militärischen Gewalt bedürfen, ehe es nachgibt und uns den Rücken frei läßt für den Osten.“[15]

Zwischen April und Juni 1940 hatte die Wehrmacht Norwegen, Dänemark, die Benelux-Staaten und Frankreich unterworfen sowie die britischen Truppen vom Festland vertrieben. Der „Blitzsieg“ der Wehrmacht in Westeuropa hatte vielfältige Auswirkungen. Zwei für unser Thema wichtige Folgen sollen angesprochen werden.

Die deutsche Führung glaubte, dass sie nach den Siegen in Westeuropa den Rücken frei habe, um die seit langem anvisierten Ziele im Osten in Angriff nehmen zu können.[16] Großbritannien, das sich bisher allen Drohungen und Lockungen widersetzt hatte und mit den USA im Rücken weiterkämpfen wollte, sei, so das Kalkül der deutschen Führung, für längere Zeit unfähig, auf dem Festland militärisch aktiv zu werden und die USA könnten frühestens 1942 in den Krieg eingreifen. Bis dahin sollte die UdSSR unterworfen sein. „Die Entscheidung über die europäische Hegemonie“, so Hitler am 5. Dezember 1940, falle nicht im Mittelmeer oder in der Auseinandersetzung mit Großbritannien, sondern „im Kampf gegen Rußland.“[17] Am 17.Dezember 1940 sagte er dem Chef des Wehrmachtsführungsstabes im Oberkommando der Wehrmacht(OKW),Alfred Jodl, noch 1941 müßten „alle kontinentaleuropäischen Probleme“ gelöst sein, da ab 1942 die „USA in der Lage wären, einzugreifen.“[18] Die Deutschen wollten im Osten angreifen nicht, wie oft dargestellt, weil Britannien nicht einknickte,[19] sondern obwohl Churchill weiter kämpfte. Ein Sieg über die UdSSR werde auch Großbritannien zur Unterwerfung zwingen. Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop telegrafierte am 28. Juni 1941 an die deutsche Botschaft in Tokio, die Eroberung der UdSSR werde „den Sieg auch über England zur unwiderruflichen Tatsache machen“[20]

Vor allem führte der unerwartet schnelle Sieg im Westen zu einer gravierenden Überbewertung der eigenen militärischen Kräfte. 1940 galt die französische Armee als die stärkste militärische Kraft des Kontinents. Deutschland hatte sie und zusätzlich ein nominell starkes britisches Expeditionsheer sowie die Armeen Belgiens und der Niederlande binnen weniger Wochen besiegt. Der „Völkische Beobachter“ tönte am 25. Juni 1940 auf der Titelseite, die Unterwerfung Frankreichs werde „in die Geschichte eingehen als der glorreichste Sieg aller Zeiten.“ Die Wehrmacht sei jedem Gegner gewachsen, so die allgemeine, durch eine frenetische Propaganda gestärkte Auffassung. In den Richtlinien des Oberbefehlshabers des Heeres für die Erziehung der Soldaten vom 21. Februar 1941 heißt es u.a., „Führer und Mann“ sollen durchdrungen sein „von dem Vertrauen auf die Überlegenheit des deutschen Soldaten über jeden Gegner und den unbeirrbaren Glauben an den endgültigen Sieg.“[21]

Hinzu kam, dass die deutsche Generalität die sowjetischen Streitkräfte u.a wegen der Stalin´schen Säuberungen und der desaströsen Vorstellung der Roten Armee im finnisch-sowjetischen Winterkrieg1939/40 nicht ernst nahm. Die Rote Armee galt den Nazi-Führern als „tönerner Koloss ohne Kopf“. Sie verfüge „über keine Führer“ und sei „schlecht gerüstet“, so Hitler am 9. Januar 1941 vor der Generalität.[22] „Die russische Wehrmacht“, erläuterte er am 5. Dezember 1940 vor den Generalen, „sei der deutschen rüstungsmäßig und personell, besonders in der Führung, unterlegen.“[23] Immer wieder flossen in die militärischen Beurteilungen rassistische Wertungen über „die Slawen“ ein. Der „russische Mensch“ sei „unterwertig“, meinte Hitler in der o.g. Beratung am 5. Dezember 1940,[24] die „Germanen“ ihm kulturell-zivilisatorisch und hinsichtlich der technisch-organisatorischen Fähigkeiten überlegen, so die allgemeine Auffassung im Offizierskorps. Diese geradezu „irrationale Unterschätzung der Sowjetunion und ihrer Menschen“[25] war spätestens seit Ende 1937 gewissermaßen „Weisungslage“ im deutschen Militär. So sollte nach den Weisungen von Ende 1937 die CSR auch dann überfallen werden, wenn die UdSSR an Ihre Seite treten würde.[26] Auch die Tuchacewski-Affäre und die großflächigen „Säuberungen“ in den sowjetischen Streitkräften hatten großen Einfluß auf die Beurteilung der Kampfkraft der Roten Armee. In der deutschen Führung entstand der Eindruck, die Rote Armee sei auf viele Jahre praktisch kampfunfähig gemacht worden.[27]

Gegen den Überfall auf die Sowjetunion gab es im Gegensatz zum Überfall auf Polen oder beim Krieg gegen Frankreich bei den sogenannten alten Eliten, vor allem im Militär, keine Opposition, sondern breite Zustimmung. Hermann Graml konstatierte, bei „Barbarossa“ blieben „selbst schwächliche und papierene Proteste der obersten (Militär-)Führung aus, mit Ausnahme von Admiral Canaris.“[28] Manfred Messerschmidt stellte bei der deutschen Militärführung „das völlige Fehlen von Bedenken in der Vorbereitungsphase des Angriffs auf die Sowjetunion“ fest.[29] Quellenmäßig kann die Position mancher Historiker nicht belegt werden, dass Widerspruch aus „Feigheit“ ausblieb. So meinte Kurt Pätzold über die Haltung der deutschen Militärs bei „Barbarossa“ in einer Rezension: „Da zeigt sich eine Generalität mit einem bornierten Bild von »Russland«, dem Regime, dem Land und den Leuten sowie der Roten Armee. Deutlich wird, wie feige oder einflussarm ihre Befehlshaber waren, um dem tödlichen und verbrecherischen Abenteuer zu widersprechen.“[30] Die Quellen besagen, es gab bei den Absichten und Planungen für den Eroberungs- und antikommunistischen Vernichtungskrieg bei den deutschen Generalen nicht nur keine Opposition, sondern dienstbeflissene Mitwirkung aus Überzeugung. Und „einflußarm“ waren die Militärführer nicht Jürgen Förster resümierte, die Wehrmacht habe die ideologischen Dogmen und die Pläne für einen Raubkrieg sowie für einen antikommunistischen und rassistischen Vernichtungskrieg in verbindliche Befehle umgesetzt.[31]  Rolf-Dieter Müller, dessen jüngste Arbeit[32] Pätzold bespricht, benennt Ursachen der breiten Zustimmung. Bei den „traditionellen Führungseliten“, in Wirtschaft , Politik und Militär sah er eine „globale Übereinstimmung in der Frage des deutschen Ostimperiums und der Vernichtung des Bolschewismus“ mit der Politik der Nazi-Führung. [33] In einem früheren Aufsatz betonte Müller, dass „die Grundprinzipien eines künftigen deutschen Ostimperiums“ bei allen Machtträgern in Deutschland „unumstritten waren“.[34]

Zusammenfassen kann man feststellen: Die führenden deutschen Militärs waren, übereinstimmend der Meinung, die Zerschlagung der Sowjetunion sei nicht nur notwendig, sondern im Moment auch günstig und in kurzer Frist lösbar. Zudem glaubte man nicht, aus einer strategischen Zwangslage heraus zu handeln. Es schien der günstigste Zeitpunkt für die Realisierung der lange verfolgten Pläne für ein deutsches Ostimperium zu sein. Die deutsche Führung wähnte sich militärisch auf dem Höchststand. Am 5. Dezember 1940 erklärte Hitler vor den Generalen: „Wir haben im Frühjahr einen sichtlichen Höchststand in Führung, Material Truppe, die Russen einen unverkennbaren Tiefstand. Wenn diese russische Armee einmal geschlagen ist, dann ist das Desaster unaufhaltsam.“[35] Durch die „Westfeldzüge“ und gemäß der Auffassung, dass die USA erst 1942 militärisch in den Krieg eingreifen könnten, glaubte man den Rücken frei zu haben für einen Krieg gegen die Sowjetunion, der in wenigen Wochen siegreich beendet sein könnte. Eine solche Konstellation wollte man unbedingt nutzen.

 

Die Reflexion des Überfalls in der deutschen Literatur ist vielfältig.[36] Allerdings sind seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts nicht mehr so viele Arbeiten zu grundsätzlichen Fragen der deutschen Aggression erschienen.[37]

Dabei ist ein Erkenntnisgewinn gerade bei den kontrovers diskutierten Grundsatzfragen des 22. Juni 1941 notwendig. Im Gefolge der Wehrmachts-Ausstellung sind zwar viele Einzelstudien entstanden. Sie wenden sich aber vermehrt der Organisations- und Täterforschung zu. Das sind sicher wichtige Anliegen auch für die lange als Desiderat geltende Widerspiegelung des Krieges aus der Perspektive der mittleren und unteren Ebenen und der einfachen Menschen, doch besteht die Gefahr, dass hinter den meist außerordentlich materialreichen, detaillierten Untersuchungen die Grundfragen des deutschen Überfalls, das Warum und die Frage nach den Haupttriebkräften - die wohl wichtigsten Anliegen unserer Zunft - zurücktreten.

Eine solche Grundfrage ist, welche Ziele mit dem Überfall verfolgt wurden und damit, welchen Charakter der deutsche Angriff trug. War er ein „rassenideologischer Vernichtungskrieg", wie Hillgrubers Beschreibung von 1965[38] lautete, die bis heute in einflussreichen Medien fortlebt, u.a. in der großen digitalen Dokumentenedition der Bayerischen Staatsbibliothek?[39] Selbst in der Neuausgabe des Sammelbandes von Ueberschär und Wette mit dem Titel „Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion“ wird die Aggression als ein „von rasseideologischen und machtpolitischen Motiven gleichermaßen geprägter Vernichtungskrieg“ gewertet.[40] Oder begann damals nicht in erster Linie jener von einer breiten Fronde der deutschen Macht- und Einflusseliten seit der Niederlage im Ersten Weltkrieg jenseits aller tagespolitischen Wendungen ersehnter imperialistische Eroberungskrieg zur Zerschlagung der USSR, zur Schaffung eines deutschen Ostimperiums und zur Vernichtung des die bürgerliche Gesellschaft bedrohenden Kommunismus?

In diesem Zusammenhang geht es auch um den Begriff „Vernichtungskrieg“. Waren die im ersten Halbjahr 1941 entwickelten Pläne für den millionenfachen Mord an Sowjetbürgern ausschließlich dem Antimarxismus, der Rassenideologie und dem Sozialdarwinismus der Nazis zuzuschreiben und das treibende Motiv für den Überfall? Oder ging es dabei nicht hauptsächlich um die langfristige Sicherung der Beute gegen jeden Widerstand, um den Versuch, das Gebiet westlich des Urals politisch wie „rassisch“ zu säubern und bevölkerungspolitisch völlig neu zu ordnen? Stand hinter den Vernichtungsplänen nicht auch der Plan, „unnützer Esser“ zu beseitigen, damit die Invasoren mehr Lebensmittel zur Verfügung hatten, und die Absicht, die Bevölkerung zu dezimieren, um, wie Rosenberg am 2. April 1941 schrieb, Land für „die Ansiedlung einer mengenmäßig bedeutenden“ deutschen Bevölkerung[41] zu erhalten? Hermann Graml weist darauf hin, dass diese Seite des Dezimierungskonzepts weit verbreitet war. Mit den Worten, „im Hinblick auf die zu erwartende Siedlungs- und Germanisierungspolitik müsse die Bevölkerung des Ostraums ohnehin reduziert werden“ beschreibt er das seiner Meinung nach bei allen Machtträgern tief verwurzelten „Dezimierungspläne“.[42]  Einige Dokumente aus der Zeit vor dem 22.Juni lassen den Schluss zu, dass die „Weite des Ostens“ und die abschottende Kriegssituation genutzt werden sollten, die „europäische Judenfrage“ radikal durch Massenmord zu lösen.[43] War aber der grundlegende Zusammenhang nicht so, um den Titel einer verdienstvollen sowjetischen Dokumentenedition aus dem Jahr 1963 zu variieren,[44] dass die geradezu ungeheuerlichen, die verbrecherischen Ziele zwangsläufig auch die massenhafte Anwendung verbrecherischer Mittel erforderten oder wie der General zbV im OKH Eugen Müller Mitte Juni 1941 vor Abwehr- und Gerichtsoffizieren der für den Überfall bereitgestellten Großverbände den Zusammenhang zwischen Kriegszielen und Menschenvernichtung euphemistisch umschrieb, „Rechtsempfinden“ habe „u.U. hinter Kriegsnotwendigkeit zu treten“?[45]

Prägenden Einfluß auf die Geschichtsschreibung und die Massenmedien in Deutschland hat nach wie vor die die Totalitarismusdoktrin, die „Bolschewismus“ und Faschismus im Grunde gleichsetzt.

Eine eigenwillige und zeitlich und räumlich sehr weitgehende Variante dieser Doktrin kreiert der eher als „SED-Forscher“ bekannt gewordenen Klaus Schroeder von der Freien Universität Berlin. In der zusammen mit Peter März herausgegebenen Buchreihe „Berlin und München“ publizierte er eine Dissertation über das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete.[46] Im Vorwort behaupten Schroeder und März, die zivile Okkupationsverwaltung der Nazis in der Sowjetunion sei an sich selbst und am totalitären Wesen des NS-Regimes  gescheitert. Das sei zugleich ein Beleg für die „weitgehende(n) Unfähigkeit moderner Diktaturen, Bürokratien effizient arbeiten zu lassen und vorhandene Ressourcen wirksam einzusetzen“ Dies wäre „zugleich ein generelles Strukturdefizit totalitärer Regime“. Nicht zuletzt darin unterschieden sich die „repressiven und freiheitlichen Ordnungssysteme(n) mit den jeweiligen ökonomischen, politischen und geistigen Konsequenzen“.[47]

Im letzten Jahrzehnt gewinnt die hitlerzentristische Betrachtungsweise des deutschen Überfalls, oft in Kombination mit der Totalitarismusdoktrin, zunehmenden Einfluß. In einem Spiegel-Interview von 2008 meinte Rolf-Dieter Müller, Leitender Wissenschaftlicher Direktor am MGFA und Professor an der Humboldt-Universität, als Fazit des Geschichtswerks „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“, insbesondere der Angriff auf die Sowjetunion, sei Hitlers Krieg gewesen. „Die Perspektive auf Hitler als Person, als Motor des Ganzen, ist deutlicher und intensiver geworden. Sämtliche Erklärungen, die versucht haben, seine Rolle zu relativieren, sind widerlegt. Der Weltkrieg…wurde von Hitler zielgerichtet ab 1933 vorbereitet.“[48] Damit stellt er sich dezidiert gegen andere ausgewiesene Historiker. Gerd R. Ueberschär z. B. meint in einer neuen Publikation, es sei „verfehlt, die Frage , wie es zu diesem Aggressionsakt (dem 22.6.1941- M.S.) kommen konnte, allein als biografisches Problem der Person Hitler zu sehen. Es ist deshalb notwendig, auf die Einbindung der Hitlerschen Vorstellungen in parallel verlaufende Überlegungen deutscher Führungseliten seit dem Ersten Weltkrieg hinzuweisen“.[49] Dabei ist anzumerken, dass Müller in Arbeiten aus den 80er Jahren, gestützt auf eine breite Quellenbasis, die hitlerzentristische Betrachtungsweise des Krieges gegen die Sowjetunion zurückgewiesen, die breite Zustimmung der Macht- und Einflusseliten zu den „Grundprinzipien eines künftigen deutschen Ostimperiums“ hervorgehoben und die Kontinuität der „Ostraumpläne“ seit dem Ersten Weltkrieg unterstrichen hatte.[50]

Trotz einer kaum noch überschaubaren Fülle von Arbeiten, die die Angriffsabsicht der deutschen Führung belegen, lebt die schon totgeglaubte Präventivkriegsthese vor allem in revisionistischen und politisch einflussreichen militaristischen und politisch rechten Kreisen fort.

Am 11. März 1997 behauptete der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Heinz Trettner, im Bonner „Generalanzeiger“, es „dürfte heute bewiesen sein, dass der Krieg gegen die Sowjetunion - anders als die Umerziehungspropaganda behauptet - in erster Linie ein nur schweren Herzens begonnener, aufgezwungener Präventivkrieg war.“ Trettner, im Zweiten Weltkrieg u.a. Staffelkapitän der Legion Kondor, ab 1943 Generalmajor, lieferte in der gleichen Zeitung auch eine abenteuerliche Erklärung für die im Krieg gegen die Sowjetunion verübten Verbrechen. In dem der Wehrmacht aufgezwungenen Präventivkrieg sei es, so räumt er ein, zu „unmenschliche(n) Formen vom ersten Tag an“ gekommen. Diese seien ausschließlich „von den aufgeheizten sowjetischen Soldaten“, die deutsche Gefangene ermordet hätten, „in die Auseinandersetzung hineingetragen worden". Die Verbrechen der Deutschen, so Trettner, seien nur eine Reaktion auf die angeblich völkerrechtswidrige Kampfesweise und den hartnäckigen Widerstand der „aufgeheizten sowjetischen Soldaten“ gewesen.[51]

Die These des ehemals höchsten Soldaten der Bundeswehr wird von Klaus Jochen Arnold vor allem in seiner Dissertation untermauert.[52] Er bedauert die unleugbaren Verbrechen, führt sie aber auf einen sich reziprok brutalisierenden und radikalisierenden Krieg zurück. Der sowjetische Widerstand hätte die Deutschen zu einer verbrecherischen Kriegsführung und Besatzungspolitik, die vor allem die Wehrmacht so nicht gewollt und innerlich abgelehnt habe, provoziert. Arnold erhielt für seine Dissertation 2004 den vom Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung gestifteten Werner-Hahlweg-Preis.[53]

 

Angesichts der oft weit auseinanderliegenden Einschätzungen ist es ratsam, einen Blick auf die deutschen Dokumente zu werfen, die vor dem 22.Juni 1941 entstanden sind. Darin erscheinen die deutschen Absichten unabhängig von späteren, durch die Zwänge des Krieges und des Besatzungsalltags erfolgten Modifikationen, gewissermaßen in Laborform.

 

Die konkreten Vorbereitungen auf einen Angriffskrieg gegen die Sowjetunion begannen im Juni 1940 durch das Heer, was oft übersehen wird, ohne Auftrag Hitlers, des Obersten Befehlshabers. Der Chef des Generalstabs des Heeres, Halder wollte in einem Blitzkrieg noch 1940 die baltischen Staaten, Bjelorußland und die Ukraine aus der Sowjetunion „herausschneiden“.[54] Der seit Ende Juni 1941 von den Oberkommandos selbständig vorbereitete „Blitzkrieg“ gegen die SU war ein deutlicher Beleg für die gemeinsame Auffassung der „alten“ Eliten, insbesondere der Militärs mit jener der faschistischen Führung über einen Krieg gegen die Sowjetunion zur Schaffung eines deutschen Ostimperiums und zur Vernichtung des Kommunismus. Ueberschär wertet die „selbständigen Operationsplanungen der höheren Militärs“ als Ausdruck „eine(r) weitgehende(n) Ziele- und Interessengleichheit für ein grundsätzliches Ausgreifen nach Osten“. [55]

In der entscheidenden Besprechung der Spitzenmilitärs mit Hitler am 31.Juli.1940 wurde festgelegt, die SU erst im Frühjahr 1941 anzugreifen, dann aber den gesamten sowjetischen „Staat in einem Zug schwer(zu) zerschlagen.“[56] Die Hauptkräfte der Roten Armee vermutete man westlich der Dwina-Dnjepr-Linie. Sie sollten durch blitzartige Panzervorstöße vernichtet werden. Bis zum Einbruch des Winters 1941 habe die Wehrmacht die allgemeine Linie Kaspisches Meer - Archangelsk zu erreichen.[57] Damit wäre die Sowjetunion bis zu den Westausläufern des Ural unter deutsche Herrschaft geraten und ihr endgültiger Zusammenbruch besiegelt. Nach Alfred Rosenberg wäre auch ein deutsches Vorgehen gegen „russisch Mittelasien“ notwendig. Das Gebiet sei „die Baumwollkammer Rußlands“. Es böten sich darüber hinaus „ungeheure“ Möglichkeiten in Richtung „Iran und Afghanistan“ sowie „gegen Indien“.[58]

Die Eroberung eines Ostimperiums war zwar der zentrale Punkt in den deutschen Kriegsplanungen, sie wurde aber immer unter gesamteuropäischen und global-strategischen Gesichtspunkten gesehen. „Die Entscheidung über die europäische Hegemonie“, so Hitler am 5. Dezember 1940 vor der Generalität, falle „im Kampf gegen Rußland“.[59] Erst die Unterwerfung und Ausbeutung der UdSSR und ihrer Bewohner gewährleiste die Herrschaft über den Kontinent, sichere die Unabhängigkeit von überseeischen Einfuhren, schaffe eine Landverbindung nach Mittel- und Ostasien und biete somit die Möglichkeiten für den Kampf gegen andere Weltreiche, so die gängige Auffassung. Am 9.Januar 1941 sagte Hitler nach einer Eintragung Im Kriegstagebuch des OKW: „Deutschland würde nach der Zerschlagung Rußlands unangreifbar sein. Der russische Riesenraum berge unermeßliche Reichtümer…Damit verfüge es(Deutschland-M.S.) über alle Möglichkeiten, auch in Zukunft den Kampf gegen Kontinente zu führen.“[60] Gegenüber dem Danziger Senatspräsidenten Hermann Rauschning sagte Hitler schon vor dem Krieg, ein Sieg über die UdSSR werde „uns die Pforte zur dauernden Herrschaft über die Welt aufstoßen.“[61]

Der Kampf um „die Herrschaft über die Welt“ war nach Meinung der Nazis nur dann erfolgreich zu führen, wenn die Lebensmittel- und Rohstoffressourcen der UdSSR vollständig in die Verfügungsgewalt der Deutschen gerieten. Noch 1941 sollte das fast 4 Millionen Mann zählende Invasionsheer sowie der voluminöse Besatzungsapparat „aus dem Lande“ versorgt und zusätzlich große Mengen an Lebensmitteln und Rohstoffen nach Deutschland gebracht werden. Ein Besprechung am 2. Mai 1941 stellte fest, der Krieg sei nur weiterzuführen, wenn noch 1941 die gesamte Wehrmacht „aus Rußland ernährt wird.“ [62] Reichsaußenminister von Ribbentrop telegrafierte am 28. Juni1941 an die deutsche Botschaft in Tokio, der bald zu erwartende Zusammenbruch der UdSSR bringe Deutschland in den „Besitz der russischen Ölquellen und Getreidefelder“. Damit und mit der durch den Sieg hergestellten „unmittelbare(n) Landverbindung nach Ostasien“ wären eine britische Blockade unmöglich und „alle Voraussetzungen gegeben“ die faschistische „Neuordnung des europäischen Raumes“ durchzuführen.[63]

Seit Anfang 1941 planten das OKW, die Vierjahresplanbehörden und das Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerium für die zu besetzenden Gebieten eine ausgesprochene Raub- und Ausschlachtungsstrategie.[64] Der später mit dem Aufbau einer staatsmonopolistischen Organisation zur Ausnutzung der sowjetischen „Reichtümer“ beauftragte Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes im OKW, General der Infanterie Georg Thomas, hatte schon im Februar 1941 gegenüber Hitler und Göring darauf aufmerksam gemacht, dass die ernährungspolitischen Ziel  der deutschen Faschisten in der Sowjetunion nur dann erreicht werden könnten, wenn der „Eigenverbrauch“ der sowjetischen Bevölkerung drastisch gekürzt, in manchen Gebieten ganz gestrichen werde. Die Ausführungen des Repräsentanten der deutschen Wirtschaft in der Wehrmacht zur Einführung eines kriminellen Versorgungsprinzips gegen die sowjetische Bevölkerung war gültige Richtlinie für alle Besatzungsbehörden bis 1944.[65]„Soviel wie möglich Lebensmittel und Mineralöl für Deutschland zu gewinnen“ sei „das Hauptziel der Aktion“. Es gehe „um die sofortige und höchstmögliche Ausnutzung“ heißt es in den wirtschaftlichen Richtlinien für die Invasoren.[66] Über die Konsequenzen für die sowjetische Bevölkerung waren sich Initiatoren und Vollstrecker dieser Strategie im Klaren. Zig Millionen Menschen würden „verhungern“.[67] Das „Absterben…eines großen Teils der Menschen“ in den Industriestädten wie Moskau und Leningrad sowie in der gesamten Waldzone wird in den Dokumenten als Folge der Ausbeutungsstrategie geplant.[68] Der millionenfache Hungertod der Sowjetbürger war ein kühl kalkulierter Effekt. Unnütze Esser sollten verschwinden, um mehr Lebensmittel nach Deutschland bringen zu können. Andererseits dezimierte man so die Bevölkerung und es entstanden „menschenverdünnte“ Zonen zur Besiedlung mit „Germanen“. Zwei Tage vor Beginn ders Angriffs erläuterte der zukünftige Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, Alfred Rosenberg“ den Spitzen des Nazi-Reiches die geplante Ausbeutungs- und Hungerstrategie und deren Folgen für die sowjetische Bevölkerung. Oberster Grundsatz sei, „möglichst viel aus diesen Gebieten herauszuziehen“, um „die deutsche Ernährung und Kriegswirtschaft zu sichern“. Wegen er Hungerpolitik und den „sehr umfangreiche(n) Evakuierung(en), so Rosenberg weiter, werden „dem  Russentum…sicher sehr schwere Jahre bevorstehen“.[69] Den Dezimierungsaspekt des Raubkrieges betonte der „zweite Mann“ in der Nazi-Hierarchie, Hermann Göring. Gegenüber dem italienischen Außenminister Galeazzo Ciano bemerkte er im November 1941: „In diesem Jahr werden in Rußland zwischen 20 und 30 Millionen Menschen verhungern. Und vielleicht ist das gut so, denn gewisse Völker müssen dezimiert werden.“[70] Noch heute negieren revisionistische Historiker die Existenz solcher Hungerstrategien. Klaus Jochen Arnold schrieb in seiner preisgekrönten Dissertation, von einer gezielten Massenvernichtung durch wirtschaftliche Ausbeutung und von einem Hungerplan könne nicht die Rede sein.[71] In einem Vortrag vor der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V.am 10. Oktober 2006 behauptete er: „Einen allgemeingültigen Hungerplan gegenüber der Zivilbevölkerung oder den Kriegsgefangenen gab es nicht.“[72]

Der geplante Hunger-Genocid, darauf wies Adam Tooze hin, war neben den terroristischen Plänen von Wehrmacht SS und Polizei zum Massenmord an der sowjetischen Bevölkerung gewissermaßen ein zweites Völkermordprogramm. Dieser Genozid war lange vor dem Überfall Arbeits- und Diskussionsgegenstand in vielen zivilen Behörden und der Wehrmacht.  Er war, so die Schlussfolgerung von Tooze, weit weniger geheim als die zunächst in nur kleinen SS- und Wehrmachtszirkeln diskutierten Maßnahmen zur massenhaften Tötung sogn. rassisch und politisch Unerwünschter.[73]

Mit der Raubstrategie wollte man außerdem grundlegende Fakten der zukünftigen volkswirtschaftlichen Grundstruktur schaffen. Die Sowjetunion sollte wirtschaftlich gesehen eine deutsche Kolonie, ein „Ergänzungsraum“ im Rahmen der faschistischen „Neuordnung“ Europas werden. Sie hätte Nahrungsmittel, Rohstoffe und billige Arbeitskräfte zu liefern sowie als Anlageplatz für deutsches Kapital und als Absatzmarkt für deutsche Industrieprodukte zu dienen. Die Fertigwarenindustrie war, soweit sie nicht für den Truppenbedarf arbeite, zu beseitigen. Ausschließlich als Betriebe der ersten Verarbeitungsstufe und auf Mangelgebieten bzw. als „verlängerte Werkbank“ deutscher Konzerne sei Industrie zu gestatten.[74] Auf dem besetzten Gebiet wollte man die nach der Revolution durchgeführte sozialistische Industrialisierung rückgängig machen und die feudal-agrarisch geprägte volkswirtschaftliche Struktur Rußlands von 1900/1902 wieder herstellen.[75]

Um den „riesenhaften Kuchen“, so Hitler am 16. Juli 1941, beherrschen und effektiv ausbeuten zu können,[76] plante man, die europäische Sowjetunion in Anlehnung an die im Ersten Weltkrieg entstandenen, von der 3. Obersten Heeresleitung unter von Hindenburg und Ludendorff zeitweise auch umgesetzten Dekompositionskonzepte in vier Reichskommissariate zu zerschlagen.[77]

Einigen Gebieten war ein besonderes Schicksal zugedacht. So war vorgesehen, der Ukraine in ferner Zukunft den Status eines Satellitenstaates zu verleihen. Sehr schnell sollten das Baltikum, Galizien, das Gebiet der Wolgadeutschen und die Krim mit riesigem Hinterland germanisiert und staatsrechtlich Bestandteile Deutschlands wie Thüringen werden. Besonders gravierende Folgen für die sowjetische Bevökerung in diesen Gebieten hatte die Auffassung der Nazi-Führer, dass die „Eindetschung“ dieser Landesteile durch „Germanisierung des Bodens“, wie der SS-Terminus lautete, erfolgen sollte. Nur ein geringer Teil der ursprünglichen Bewohner galt als „eindeutschungsfähig“, die überwiegende Mehrheit, auf der Krim mit „Hinterland“ die gesamte Einwohnerschaft, hatte zu „verschwinden“.[78]

Den Nazi-Führern war klar, dass diese Ziele auch nach einem Sieg über die Rote Armee Aufruhr provozieren mussten. Als Organisatoren und Hauptkräfte des Widerstandes sah man die sowjetischen Kommunisten. Im Februar 1941 sagte Hitler zu Göring, zur Befriedung des besetzten Gebietes und zur Gewährleistung einer maximalen Ausnutzung müsse man den Kommunismus durch Beseitigung aller politischen Führer „ausrotten“.[79] Goebbels notierte am 16.Juni 1941 in seinem Tagebuch: „Wogegen wir unser ganzes Leben gekämpft haben, das vernichten wir jetzt.“[80] Angesichts der verbrecherischen Ziele und besonders wegen des Gegners, des „jüdischen Bolschewismus“ wie die zusammenfassende Feind- und Tötungsformel lautete, wies die deutsche Führung darauf hin, dass die kommende Aggression kein Feldzug wie die vorangegangenen werde. In Richtlinien für das OKW legte Hitler am.3. März 1941 fest: „Dieser kommende Feldzug ist mehr als nur ein Kampf der Waffen; er führt auch zur Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen. Um diesen Krieg zu beenden, genügt es bei der Weite des Raumes nicht, die feindliche Wehrmacht zu schlagen…die jüdisch-bolschewistische Intelligenz…muß vernichtet werden.“[81] Der Chef des Wehrmachtsführungsstabes, Alfred Jodl, wies auf „die Notwendigkeit, alle Bolschewistenhäuptlinge und Kommissare sofort unschädlich zu machen“ hin.[82] Es müßten, so die allgemeine Auffassung, in großem Umfang völkerrechtswidrige Mittel angewandt werden. So sollten nach der grundsätzlichen Richtlinie des OKW vom 13. März 1941(„Richtlinien auf Sondergebieten zur Weisung Nr. 21(Fall Barbarossa)“) besondere, von der bisherigen Praxis abweichende Regelungen für „das Verhalten der Truppe gegenüber der Bevölkerung“ und für „die Aufgaben der Wehrmachtgerichte“ erlassen werden.[83] In dieser für den Kampf gegen die Sowjetunion und das spätere Okkupationsregime entscheidenden Richtlinie heißt es, der besondere Charakter des kommenden Krieges ergebe „sich aus dem endgültig auszutragenden Kampf zweier entgegengesetzter politischer Systeme.“[84] Darunter verstand man einmal die Vernichtung der Sowjetunion als staatliche Basis der kommunistischen Weltbewegung und eines zum Kapitalismus alternativen Gesellschaftsmodells, das wegen seiner internationalen Ausstrahlung als latente Gefahr für alle imperialistischen Regime empfunden wurde und zum anderen die Tötung eines neuartigen Gegners nazistischer Eroberungs- und Versklavungspolitik. In einer Generalsversammlung am 30. März 1941 erläuterte Hitler, was er unter dem „Kampf zweier Weltanschauungen gegeneinander“ verstand. Nach dem Kriegstagebuch Halders sagte er: „Bolschewismus, ist gleich asoziales Verbrechertum. Kommunismus ungeheure Gefahr für die Zukunft. Wir müssen von dem Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf. …Wir führen nicht Krieg, um den Feind zu konservieren…Kampf gegen Rußland: Vernichtung der bolschewistischen Kommissare und der kommunistischen Intelligenz….Der Kampf muß geführt werden gegen das Gift der Zersetzung.“[85] Diese Diktion wurde von nachgeordneten Dienststellen und Einheiten fast wörtlich übernommen.  Die Sowjetunion sei zu zerschlagen und die „Träger des Systems“ physisch zu liquidieren. Deshalb, so das OKW in der genannten Richtlinie vom 13. März, erhalte auch der Reichsführer SS „Sonderaufgaben“ im gesamten besetzten Gebiet.[86] Jeder höhere Offizier und Beamte wußte angesichts des Massenmords an Zivilisten solcher SS-Einheiten vor allem in Polen und der allgemeinen Befehlslage, was den Sowjetbürgern bevorstand. Für die Unterstützung der Tätigkeit solcher „Killing Units, wie die Briten die Einsatzgruppen nannten, durch das Heer, verhandelte der Generalquartiermeister Eduard Wagner seit dem 13. März mit dem Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich.,[87] Die Verhandlungen führten am 26. März zu einem am 28. April in Kraft gesetzten Befehl des Oberbefehlshabers des Heeres, Walther von Brauchitsch, mit dem Titel „Regelung des Einsatzes der Sicherheitspolizei und des SD im Verbande des Heere“. [88]

In den Terrorbefehlen für die Wehrmacht,[89] SS und Polizei[90] ging es vorrangig um die Vernichtung der „Träger“ des Sowjetsystems. So wurde in dem Befehl zur „Kampfführung“ vom 2. Mai 1941 des Befehlshabers der Panzergruppe 4, Erich Hoepner, angewiesen, es dürfe „keine Schonung für die Träger des heutigen russisch-bolschewistischen Systems“ geben.[91] Zu den „Trägern des Systems“ zählten alle Kommunisten, die Angestellten des sowjetischen Staates vom Minister bis zur Kindergärtnerin, Angehörige der Intelligenz und leitendes Wirtschaftspersonal. Eine Kaskade entsprechender, teils nur mündlicher Weisungen, Befehle und Anordnungen zur Vernichtung dieser „Träger des Systems“ erging ab März 1941. Am 10. Und 11. Juni 1941 instruiert der General zbV. Im OKH, Eugen Müller die Abwehroffiziere und Heeresrichter der für den Überfall bereitgestellten Großverbände über die Vernichtungsbefehle. Vor diesem, für die Terrorpolitik in den eroberten Gebieten entscheidenden Personenkreis sagte er, die oben zitierten Ausführungen Hitlers am 30. März fast wörtlich zu wiederholend, den kommunistischen Feind, die »Träger der feindlichen Einstellung« dürfe man »nicht konservieren, sondern erledigen«. Es sollten auch »Hetzer, Flugblattverteiler, Saboteure« sowie all jene Sowjetbürger, die deutsche Anordnungen nicht befolgen, ermordet werden.[92]

Der Kreis der zu ermordenden Sowjetbürger wurde dadurch erheblich ausgeweitet, dass die Weisungen Menschenverachtung und extreme Gewaltbereitschaft mit militantem Antikommunismus und rabiaten biologischem Rassismus, insbesondere mit Antislawismus und Antisemitismus verbanden. Am 26. März 1941 beauftragte Göring den Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich, für die Wehrmacht eine „ganz kurze, 3–4seitige Unterrichtung“ vorzubereiten, „damit die Truppe wisse, wen sie praktisch an die Wand zu stellen“ habe. Insbesondere müsse darin auf „die Gefährlichkeit“ der sowjetischen Sicherheitsbehörden, der „Politkommissare, Juden usw.“ hingewiesen werden. Außerdem legte Heydrich mit Blick auf den bevorstehenden Überfall einen Plan zur „Lösung der Judenfrage“ vor.[93] Die gängigen ideologischen Schlagwörter waren: Slawen seien Untermenschen und ebenso wie die Juden gefährliche Feinde der „Germanen“. In dem schon zitierten Befehl der Panzergruppe 4 zur „Kampfführung“ vom 2. Mai 1941 heißt es: „Der Krieg gegen Rußland ist ein wesentlicher Abschnitt im Daseinskampf des deutschen Volkes. Es ist der Kampf der Germanen gegen das Slawentum, die Verteidigung europäischer Kultur gegen moskowitisch-asiatische Überschwemmung, die Abwehr des jüdischen Bolschewismus. Dieser Kampf muß die Zertrümmerung des heutigen Rußland zum Ziele haben und deshalb mit unerhörter Härte geführt werden. Jede Kampfhandlung muß in Anlage und Durchführung von dem eisernen Willen zur erbarmungslosen, völligen Vernichtung des Feindes geleitet sein.“[94] In Ideologie und Propaganda der Nazis waren Judentum und Bolschewismus eine symbiotische Verbindung zur Beherrschung der Welt eingegangen. Die sowjetische kommunistische Partei sei vom Judentum dominiert. Das Ostjudentum galt als biologische Grundlage, als ständig sprudelnder Quell des Bolschewismus. Daher wäre jeder Jude ein potentieller „Träger der feindlichen Einstellung“. Die Sowjetfunktionäre galten als vom Judentum gefördert und begünstigten ihrerseits die Juden. [95]

Die krude Nazi-Ideologie verschmolz mit den uferlosen Eroberungszielen zur Fokussierung auf den Hauptgegner und zur Rechtfertigung der geplanten Massenverbrechen und war Grundlage einer hysterischen Haßpropaganda in die Truppe“. Sie sollte die Soldaten zu willigen Exekutoren der verbrecherischen Befehle machen. So heißt es im 1. Juni-Heft 1941 der „Mitteilungen für die Truppe“: „Was Bolschewiken sind, das weiß jeder, der einmal einen Blick in das Gesicht eines Roten Kommissars geworfen hat…Es hieße Tiere beleidigen, wollte man dieser zu einem hohen Prozentsatz jüdischen Menschenschinder tierisch nennen…In der Gestalt dieser Kommissare erleben wir den Aufstand der Untermenschen gegen edles Blut.“[96]

Bei den vor der Aggression ergangenen Tötungsanweisungen für die seit März entstehenden speziellen Mordapparate und die normalen Polizei- und Wehrmachtseinheiten fallen drei Punkte ins Auge:

  1. Nur durch vorauseilenden massenhaften und permanenten Terror, so die Meinung der deutschen Führung, sei die sowjetische Bevölkerung zur Duldung der Okkupation, der Ausbeutung und zur Arbeit für die Deutschen zu bewegen. Politische Maßnahmen zur „Gewinnung“ der Sowjetbürger waren kaum und nur im agitatorischen Bereich vorgesehen. So formuliere Hitler am 9. Mai 1941 gegenüber dem designierten Reichsminister für die zu besetzenden sowjetischen Gebiete, Alfred Rosenberg, gewissermaßen als Grundsatz für die künftige Okkupationspolitik, die unterworfenen Einwohner der besetzten Gebiete bräuchten die Okkupanten nicht zu lieben, sie „sollen uns…fürchten.“[97] Der Terror wurde vor allem als Vorbeugung gegen Widerstand geplant. Durch drakonische Maßnahmen sollte lähmendes Entsetzen erzeugt werden, um die Sowjetbürger gefügig zu machen – ein extrem völkerrechtswidriges Verfahren. So sagte Hitler am 17. März vor der Heeresführung: Im großrussischen Raum sei „die Anwendung brutalster Gewalt notwendig.“[98]
  2. Der exzessive Charakter der Terroranweisungen wurde dadurch verstärkt, dass Soldaten, SS-Männern und Polizisten für Handlungen gegen die Bevölkerung weitgehend Straffreiheit gewährt wurde. Im Erlaß des OKW „Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet „Barbarossa“ vom 13. Mai 1941 heißt es: „Für Handlungen, die Angehörige der Wehrmacht und des Gefolges gegen feindliche Zivilpersonen begehen, besteht kein Verfolgungszwang, auch dann nicht, wenn die Tat zugleich ein militärisches Verbrechen oder Vergehen ist.“[99]
  3. Um die Mordmaschinerie nicht einzuengen waren die Anweisungen unscharf gehalten. Die Mörder sollten ja nicht nur potentielle oder tatsächliche Feinde der Invasoren töten, sondern auch an der Dezimierung der Bevölkerung mitwirken, um „unnütze“ Esser zu beseitigen und menschenfreies Land für deutsche Siedler zu erhalten. Der Terror als Instrument der Machtsicherung war von Anfang an auch ein Mittel des Genocids, Beide Elemente waren von Anfang an als Einheit angelegt.

 

In der Literatur findet man allenthalben die Feststellung, dass der 22.Juni.1941 ein Schicksalstag gewesen sei. So richtig diese Bemerkung ist, wenn nicht nur Deutschland und die Deutschen gemeint sind, so muss doch darauf hingewiesen werden, dass dieser Tag vor allem der Beginn einer bis heute kaum fassbaren Katastrophe für die sowjetische Bevölkerung war. Etwa 27 Millionen Sowjetbürger verloren durch Aggression und Besatzung ihr Leben, darunter mehr als 3 Millionen der etwa 5,3 Millionen Rotarmisten, die in deutsche Gefangenschaft geraten waren - das neben der am 22. Juni 1941 begonnenen Aggression wohl größte Verbrechen des deutschen Imperialismus an den Bewohnern der Sowjetunion.

 

 

 

 



[1] Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht(Wehrmachtsführungsstab), herausgegeben von Percy E. Schramm, zusammengestellt und erläutert von Hans-Adolf Jacobsen, Augsburg 2005, Bd. I/I, S. 258(im Folg. KTB/OKW).

[2] Ebenda, S. 300.

[3] Zitiert nach Dietrich Eichholtz, Der „Generalplan Ost“. Über eine Ausgeburt imperialistischer Denkart und Politik, in: Jahrbuch für Geschichte, Bd. 26, Berlin 1982, S. 218.

[4] Generaloberst Halder, Kriegstagebuch, Band II, bearbeitet von Hans-Adolf Jacobsen, Stuttgart 1963, S. 481(Eintrag v. 21.6.1941)( im Folg. Halder II) sowie schematische Kriegsgliederung v. 27.6.1941 in: KTB/OKW, Bd.2/2, S. 1135ff. Dazu ausführlich Ernst Klink, Die Operationsführung. 1. Heer und Kriegsmarine, in: Horst Boog u.a , Der Angriff auf die Sowjetunion, .(Bd. 4 der Reihe Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg) Frankfurt am Main 1991, S. 321.

[5] Zur Kontinuität der deutschen Bestrebungen hinsichtlich der Schaffung eines „ Ostimperiums“ seit dem Ersten Weltkrieg s. Rolf-Dieter Müller, Das Tor zur Weltmacht. Die Bedeutung der Sowjetunion für die deutsche Wirtschafts- und Rüstungspolitik zwischen den Weltkriegen, Boppard am Rhein 1984(Militärgeschichtliche Studien herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, 32)

[6] Zit. n. Jürgen Förster, Hitlers Entscheidung für den Krieg gegen die Sowjetunion, Bd. 4 Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, a.a.O, S.59.

[7] Zit. in Ebenda, S. 36.

[8] Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, Nürnberg, 14. Oktober 1945 bis 1. Oktober 1946, Nürnberg 1947, Dok. 079-L, Band XXXVII, S. 546ff. Alle Zitate aus diesem Dokument. (im Folgenden IMT)

[9] Ausführlich dazu: Martin Seckendorf, Weltkrieg einkalkuliert. Vor 70 Jahren fand eine der wichtigsten Beratungen zur Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges statt. Es wurde der baldige Überfall auf Polen beschlossen, in: „junge Welt“, Berlin v. 23. 5.2009, S. 10f.

[10] Zit. n. Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 1: Ursachen und Voraussetzungen der deutschen Kriegspolitik von Wilhelm Deist, Manfred Messerschmidt, Hans-Erich Volkmann und Wolfram Wette, Frankfurt am Main 1989, S. 836.

[11] Ausführlicher zu den Folgen des schnellen Sieges im Westen Martin Seckendorf, „Pforte zur dauernden Herrschaft über die Welt“. Vor 70 Jahren beschloß die deutsche Führung unter der Deckbezeichnung „Fall Barbarossa“, die Sowjetunion zu überfallen, in: „junge Welt“, Berlin v. 18.12.2010, S. 10f.

[12] Zit. n. Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 2: Die Errichtung der Hegemonie auf dem europäischen Kontinent von Klaus A. Maier, Horst Rohde, Bernd Stegemann, Hans Umbreit, Stuttgart 1979, S. 239.

[13] Halder I, S. 308.

[14] Zit. n. Jürgen Förster, Hitlers Entscheidung für den Krieg gegen die Sowjetunion, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 4. a.a.O, S. 28.

[15] Zit. n. Deutschland im zweiten Weltkrieg, von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Wolfgang Schumann und Gerhart Hass, Bd.1: Vorbereitung, Entfesselung und Verlauf des Krieges bis zum 22. Juni 1941, Leitung Gerhard Hass, Berlin 1974, S. 353f.

[16] Dazu Gerd R. Ueberschär, Hitlers Entschluß zum „Lebensraum“- Krieg im Osten, in: Gerd R. Ueberschär/Wolfram Wette(Hg.), Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. „Unternehmen Barbarossa“, Frankfurt am Main 2011, S. 29ff.

[17] Halder II, S. 212.

[18] Aufzeichnung von Bernhard von Loßberg vom 21.12.1940, in KTB/OKW, Bd.2/2, Dok. 45, S. 996.

[19] So etwa Christian Gerlach in: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944, Hamburg 1999.

[20] Zit. n. Anatomie der Aggression. Neue Dokumente zu den Kriegszielen des faschistischen deutschen Imperialismus im zweiten Weltkrieg, herausgegeben und eingeleitet von Gerhart Hass und Wolfgang Schumann, Berlin 1972, S. 21.

[21] Zit. n. Ernst Klink, Die militärische Konzeption des Krieges gegen die Sowjetunion, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 4, a.a.O., S. 317

[22] KTB/OKW I/I, S. 258.

[23] Ebenda, S. 205

[24] Halder II, S. 214.

[25] So Gerhard Schreiber, Deutsche Politik und Kriegführung 1939-1945, in: Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen(Hrsg.), Deutschland 1933-1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, Bonn 1992, S. 341.

[26] Manfred Messerschmidt, Die Wehrmacht im NS-Staat, in Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen(Hrsg.), Deutschland 1933-1945, a.a.O. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, Bonn 1992, S. 392.

[27] Ingeborg Fleischhauer, Der Widerstand gegen den Rußlandfeldzug, in: Beiträge zum Widerstand 1933-1945, H.31(1987), S. 8.

[28] Hermann Graml, Die Wehrmacht im Dritten Reich, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, H. 3/Juli 1997, S. 375.

[29] Manfred Messerschmidt, Die Wehrmacht im NS-Staat, in Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen(Hrsg.), Deutschland 1933-1945, a.a.O. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, Bonn 1992, S. 396.

[30] Kurt Pätzold, Verwischte Spuren bloßgelegt, in: Neues Deutschland, Berlin v. 16.6.2011.

[31] Jürgen Förster, Das Unternehmen „Barbarossa“ als Eroberungs- und Vernichtungskrieg, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 4, a.a.O., S. 530.

[32] Rolf-Dieter Müller: Der Feind steht im Osten. Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahr 1939, Berlin 2011.

[33] Rolf-Dieter Müller, Das Tor zur Weltmacht, a.a.O., S. 253.

[34] Ders., Industrielle Interessenpolitik im Rahmen des „Generalplan Ost“. Dokumente zum Einfluß von Wehrmacht, Industrie und SS auf die wirtschaftspolitische Zielsetzung für Hitlers Ostimperium, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen H. 1/1981, S. 105.

[35] Halder II, S. 214.

[36] Für diesen Abschnitt erhielt ich dankenswerter Weise wertvolle Anregungen und Hinweise von Werner Fischer

[37] Neuere Literaturübersichten bieten Jörg Ganzenmüller, Besatzer und Besetzte: Neue Forschungen zum deutsch-sowjetischen Krieg 1941-1945, in: Neue Politische Literatur, Darmstadt,Jg. 53(2008) S. 43-55 sowie Gerd R. Ueberschär, Das „Unternehmen Barbarossa“ als Vernichtungskrieg im Osten im Spiegel neuerer Literatur seit 1994/95, in:Gerd R. Ueberschär/Wolfram Wette(Hg), Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. „Unternehmen Barbarossa“, a.a.O. S. 404-420.

[38] Andreas Hillgruber, Hitlers Strategie, Franfurt a. Main 1965.

[39] http://1000dok.digitale-sammlungen.de/dok_0009_bar.pdf(Weisung Nr. 21 "Fall Barbarossa", 18.12.1940)

[40] Gerd R. Ueberschär/Wolfram Wette(Hg), Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. „Unternehmen Barbarossa“, a.a.O., Deckblatt der Ausgabe von 2011.

[41] IMT, Bd. XXVI, Dok. 1017-PS, S.550.

[42] Hermann Graml, Die Wehrmacht im Dritten Reich, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Stuttgart, H.3/1997, S. 379.

[43] Gespräch Hermann Göring mit Reinhard Heydrich am 26.3.1941, Sonderarchiv Moskau (später u. d. Bezeichnung: Zentrum zur Aufbewahrung historisch-dokumentarischer Sammlungen), 500-3-795, auszugsweise abgedruckt bei: Götz Aly, „Endlösung“. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden, Frankfurt am Main 1995, S. 270.

[44] Verbrecherische Ziele-Verbrecherische Mittel. Dokumente der Okkupationspolitik des faschistischen Deutschlands auf dem Territorium der UdSSR(1941-1944), zusammengestellt von G.F. Sastwenko u.a., Moskau 1963.

[45] Zit. n. Christian Streit, Die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen und völkerrechtliche Probleme des Krieges gegen die Sowjetunion, in: Gerd R. Ueberschär/Wolfram Wette(Hg), Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. „Unternehmen Barbarossa“, a.a.O., S. 163.

[46] Andreas Zellhuber, ,,Unsere Verwaltung treibt einer Katastrophe zu…".Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion 1941-1945, Stamsried 2005.

[47] Ebenda, S. IX.

[48] „Der Spiegel“, H. 15/2008, S. 50.

[49] Gerd R. Ueberschär, Hitlers Entschluß zum „Lebensraum“-Krieg im Osten, in: Gerd R. Ueberschär/Wolfram Wette(Hg.), Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. „Unternehmen Barbarossa“ 1941, a.a.O., S. 15.

[50] U.a. in den o. genannten Arbeiten(Anm. 5 und 34).

[51] Zit. n. Hans-Erich Volkmann, Die Legende vom Präventivkrieg, in: Die Zeit, Nr. 25/13.6.1997.

[52] Klaus Jochen Arnold, Die Wehrmacht und die Besatzungspolitik in den besetzten Gebieten der Sowjetunion. Kriegführung und Radikalisierung im "Unternehmen Barbarossa", Berlin 2005-Zeitgeschichtliche Forschungen, Band 23).

[53] S. Peter Hoeres: Rezension zu: Arnold, Klaus Jochen: Die Wehrmacht und die Besatzungspolitik in den besetzten Gebieten der Sowjetunion. Kriegführung und Radikalisierung im "Unternehmen Barbarossa". Berlin 2004, in: H-Soz-u-Kult, 15.03.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-1-191>.

[54] Halder I, S.372 sowie Halder II, S. 6, 8, 32.

[55] Gerd R. Ueberschär, Hitlers Entschluß zum „Lebensraum“-Krieg im Osten, in: Gerd R. Ueberschär/Wolfram Wette(Hg.), Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. „Unternehmen Barbarossa“ 1941, a.a.O., S. 34.

[56] Halder II,S. 49f.

[57] „Weisung Nr. 21 Fall Barbarossa“ vom 18.12.1940, vollständig abgedruckt in: Gerd R. Ueberschär/Wolfram Wette(Hg.), Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. „Unternehmen Barbarossa“ 1941, a.a.O., S. 244ff.

[58] „Denkschrift Nr. 1“ vom 2.4.1941,volständig abgedruckt in: IMT, Bd. XXVI, Dok. 1017-PS, S. 552f.

[59] Halder II, S.212.

[60] KTB/OKW, I/I, S. 258.

[61] Hermann Rauschning, Gespräche mit Hitler, Zürich-New York 1940, S. 126.

[62] Die Aktennotiz über die Besprechung am 2.5.1941 ist auszugsweise abgedruckt in: Anatomie des Krieges. Neue Dokumente über die Rolle des deutschen Monopolkapitals bei der Vorbereitung und Durchführung des zweiten Weltkrieges, herausgegeben und eingeleitet von Dietrich Eichholtz und Wolfgang Schumann, Berlin 1969, Dok.-Nr. 159, S. 329.

[63] Zit. n. Anatomie der Aggression, a.a.O., S. 21.

[64] Ausführlich dazu Dietrich Eichholtz, Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939-1945, Bd. I: 1939-1941, Berlin 1984, S. 238ff.

[65] Rolf-Dieter Müller, Von der Wirtschaftsallianz zum kolonialen Ausbeutungskrieg, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg Bd. 4, a.a.O. S.170.

[66] Aus den Richtlinien über die wirtschaftliche Ausnutzung der zu besetzenden sowjetischen Gebiete, in: Anatomie des Krieges, a.a.O., Dok.-Nr. 163, S. 333

[67] Aus der Aktennotiz über die Ergebnisse der Sitzung der Staatssekretäre vom 2. Mai 1941 über „Barbarossa“, in: Ebenda, Dok.-Nr. 159, S. 329

[68] Aus den Wirtschaftspolitischen Richtlinien für Wirtschaftsorganisation Ost, Gruppe Landwirtschaft“ des Wirtschaftsstabes Ost vom 23.5.1941, in: Weltherrschaft im Visier. Dokumente zu den Europa- und Weltherrschaftsplänen des deutschen Imperialismus von der Jahrhundertwende bis Mai 1945, hgg. und eingeleitet von Wolfgang Schumann und Ludwig Nestler, Berlin 1975, Dok.-Nr.126, S. 300.

[69] IMT, Bd. XXVI, Dok. 1058-PS, S. 622ff.…

[70] Zit. n. Czeslaw Madajczyk, Die Okkupation Nazideutschlands in Polen 1939-1945, Berlin 1987, S. 92

[71] Klaus Jochen Arnold, Die Wehrmacht und die Besatzungspolitik in den besetzten Gebieten der Sowjetunion, a.a.O., S. 412.

[72].www.berliner-gesellschaft.org/Berichte

[73] Adam Tooze, Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, Bonn 2007, S. 550ff.

[74] Auszug aus der Aktennotiz über die Besprechung der Staatssekretäre vom 2.5.1941, in: Anatomie des Krieges, a.a.O., Dok.-Nr. 159, S. 329.

[75] Aus den Wirtschaftspolitischen Richtlinien für Wirtschaftsorganisation Ost, Gruppe Landwirtschaft“ des Wirtschaftsstabes Ost vom 23.5.1941, in: Die faschistische Okkupationspolitik in den zeitweilig besetzten Gebieten der Sowjetunion(194-1944). Dokumentenauswahl und Einleitung von Norbert Müller unter Mitarbeit von Uwe Löbel und Ulrich Freye, Berlin 1991(Bd. 5 Europa unterm Hakenkreuz. Die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus 1938-1945.Achtbändige Dokumentenedition), Dok.-Nr. 7, S. 136.

[76] So Hitler auf einer Konferenz am 16.7. 1941. Das Protokoll der Sitzung ist auszugsweise abgedruckt in: Verbrecherische Ziele-Verbrecherische Mittel!, a.a.O. S. 60f.

[77] Ausführlich zu den „Dekompositions“- Absichten s. Ernst Piper, Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe, München 2005, S. 523ff.

[78] Ausführlich dazu Martin Seckendorf, „Den riesenhaften Kuchen handgerecht zerlegen“, in: „junge Welt“, Berlin vom 16.7.2011, S. 10f. sowie für das Baltikum ders., Reichsland Baltikum. Die Diskussion des Jahres 1941 um die deutschen Kriegsziele im Baltikum, in: Pro Finlandia 2001. Festschrift für Manfred Menger, Hg. Deutsch-Finnische Gesellschaft e.V., Reinbeck 2001, S. 304ff.

[79] Zit. n. Rolf-Dieter Müller, Von der Wirtschaftsallianz zum kolonialen Ausbeutungskrieg, in Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 4, a.a.O., S. 171.

[80] Zit. n. Ernst Piper, Alfred Rosenberg, a.a.O. S. 520.

[81] KTB/OKW, Bd. I/I, S. 340f.

[82] Ebenda, S.341.

[83] Europa unterm Hakenkreuz, Bd. 5, a.a.O., Dok.-Nr. 1, S. 125.

[84] Ebenda, S. 123.

[85] Halder II, S. 335-337.

[86] Ebenda

[87] Halder II, S. 311, 328 u. 341.

[88] Zentrales Staatsarchiv Riga,P-1026-1-2, Bl. 52ff., zur Genese und Tätigkeit der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD insgesamt Helmut Krausnick/Hans-Heinrich Wilhelm, Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1948-1942, Stuttgart 1981 sowie Richard Rhodes, Die deutschen Mörder. Die Einsatzgruppen und der Holocaust, Bergisch Gladbach 2004.

[89] Zu den Befehlen für die Wehrmacht s.u.a. die entsprechenden Dokumente in: Europa unterm Hakenkreuz, Bd. 5 a.a.O.,S. 123- 145 sowie neuerdings Gerd R. Ueberschär/Wolfram Wette(Hg.), Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. „Unternehmen Barbarossa“ 1941, a.a.O. S. 246-264.

[90] Die Aufgaben für den Bereich SS- Polzei, insbesondere für die Einsatzgruppen beschreiben ausführlich Helmut Krausnick/Hans-Heinrich Wilhelm in: Die Truppe des Weltanschauungskrieges, a.a.O.

[91] Der Befehl ist als Faksimile abgebildet in: „junge Welt“ Berlin vom 24. 1.2011, S. 11.

[92] Tätigkeitsbericht der Panzergruppe 3/Ic Januar bis Juli 1941, Bundesarchiv Berlin, Nürnberger Prozeß, Fall XII, Bd. 334, Bl. 117.

[93] Zit. n. Götz Aly, „Endlösung“. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden, a.a.O.,S. 270.

[94]  Faksimile in: „junge Welt“ Berlin vom 24.1.2011, S. 11.

[95] Gert Robel, Sowjetunion, in: Dimension des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, hgg. von Wolfgang Benz, München 1991, ua. S.509ff.

[96] Zit. n. Manfred Messerschmidt, Die Wehrmacht im NS-Staat: Zeit der Indoktrination, Hamburg 1969, S. 326f.

[97] Zit. n. Andreas Zellhuber, „Unsere Verwaltung treibt einer Katastrophe zu…“, a.a.O., S. 75.

[98] Halder II, S. 320

[99] Europa unterm Hakenkreuz, Bd. 5, a.a.O. Dok.-Nr. 5, S. 133..





Erklärung zum 65. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus


Der 65. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg.

Leitlinien des Vereins „Berliner Freunde der Völker Russlands e. V.“  

 

Die „Berliner Freunde“ würdigen den 8. Mai zusammen mit dem 9. Mai als „Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg“ und als „Tag des Sieges der Sowjetunion im Großen Vaterländischen Krieg“.

Es waren die Menschen und Völker der Sowjetunion, die sich und ihr Land vor Unterwerfung, Versklavung und Vernichtung bewahrten und retteten. Sie erbrachten immense Leistungen und Opfer zur Niederringung Hitlerdeutschlands und seiner Verbündeten, zur Rettung der Weltzivilisation vor dem Faschismus und seiner Barbarei. Sie erzwangen im Bündnis mit ihren Alliierten die Niederlage und bedingungslose Kapitulation Hitlerdeutschlands und das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa und später in Asien. Das bedeutete Befreiung aus faschistischem Joch und öffnete den Weg zum Neubeginn, der in Ost und West sehr unterschiedlich beschritten wurde.

Der 65. Jahrestag der Sieges und der Befreiung ist für die „Berliner Freunde der Völker Russlands“ Anlass zur Erinnerung und zur Besinnung auf die Lehren des Krieges. Sie erfassen dieses Jubiläum als deutliche und dringliche Mahnung zu Frieden und Menschlichkeit in einer Welt, in der Kriege geführt werden und weitere drohen, Terrorismus die Menschen in Schrecken setzt und menschliche Not, menschliches Elend weltweit in Erscheinung tritt.

Für die „Berliner Freunde der Völker Russlands“ ergibt sich als Mahnung des Krieges, es nie wieder zu einer deutsch-russischen Konfrontation kommen zu lassen,  ein friedliches, kooperatives, ja freundschaftliches Verhältnis zwischen Deutschland und Russland zu pflegen, das seine Basis in stabilen demokratischen Verhältnissen in beiden Ländern findet.

Die „Berliner Freunde der Völker Russlands“ werden entsprechend ihren Möglichkeiten an einer würdigen Gestaltung des Jubiläums mitwirken.

 

Berlin, den 13. März 2010                    die Mitgliederversammlung


Leibnitz´ Russlandarbeit

Vortrag von Vorstandsmitglied Marga Voigt als Auftakt unserer Mitgliederversammlung 2010 im 65. Jahr der Befreiung vom Faschismus

 

Liebe Freunde, liebe Gäste unserer Mitgliederversammlung,

ich habe meinen Vortrag Leibniz’ Russlandarbeit genannt und widme ihn der Theologin Liselotte Richter (1906-1968), der ersten Frau in Deutschland, die auf eine Professur für Philosophie berufen wurde.

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) erkannte die welthistorische Dimension, als Russland in der Person des Zaren Peter I. in das neuzeitliche Staatssystem Europas eintrat, und er damit das Feld der europäischen Politik betrat. Der universale Geisteswissenschaftler und bedeutende Philosoph Leibniz beobachtete mit Begierde des Zaren Auftreten in Europa und sah mit seinem besonderen Blick für die Zusammenschau der Weltereignisse neue Aufgaben für den Westen und den Osten. Leibniz knüpfte hochgespannte Erwartungen an des Zaren Natürlichkeit und geistige Aktivität und seinen festen Willen, alles „selbst von unten auf“ zu lernen. Dies war für Leibniz Ausgangspunkt langjähriger und intensivster geistiger Bemühungen, in denen alle Forschung, ja sein Lebenswerk eine neue Zielsetzung erfuhr und einen Zuwachs an Wirksamkeit. Mit diesen Gedanken führt die Leibniz-Forscherin Liselotte Richter in ihr Werk Leibniz und sein Russlandbild ein.

Sie stellt uns einen Leitfaden von Leibnizens Hand vor. Der ist in den Leibnizhandschriften der Bibliothek zu Hannover zu finden und wird in der Abteilung Russland unter dem Stichwort Russlandtätigkeit aufbewahrt. Wie Leibniz sich selbst ausdrückt, hat er in seinem Blick nicht das private Interesse oder das seiner Nation, sondern das „gemeine Beste aller Völker“, damit das russische Reich und die russische Nation alle Vorteile der andern erlangen möge und das menschliche Geschlecht um „so viel verbessert werde“.

Leibniz dachte an eine „Encyclopädie oder gründlichen und netten Begriff aller Wissenschaften“ ins Russische bringen zu lassen, eine Bibliothec, an Cabinette der Natur und Künste, an Modelle und Instrumente handwerklicher Meisterschaft, an Observatorien der Sterne, der Geographie und der Schifffahrt und an Laboratorien. Er dachte an Druckereien, ein Bücherwesen, die Einrichtung gemeiner Schulen, Gymnasien, Academien, Hoher Schulen und nicht zuletzt an alle Sprachen des Zarenreichs und der angrenzenden Lande. So einen Plan gedachte Leibniz Zar Peter zu und bereitete eine persönliche Begegnung mit dem russischen Zaren vor.

Leibniz sah im neuen Russland die große Möglichkeit zur Verwirklichung all seiner erstrebten Lebensaufgaben: Er trachtete, in einem schöpferischen Neuanfang einer vernunftgemäßen Planwirtschaft das Ideal der modernen Weltkultur zu realisieren, ohne die „Hemmungen der geschichtlichen Zwangsabläufe“ des alten Europas in der Enge ihrer Kleinstaaten und der „in ihren Mitteln und Gesichtspunkten beschränkten Fürsten“. In Zar Peter aber sah Leibniz den unerhörten Enthusiasten beim Neubau eines „jugendfrischen Staates“, dessen Reichweite ein Sechstel der Erdoberfläche umfasst.

Von Liselotte Richter erfahren wir, was Leibniz’ Russlandarbeit beflügelte: Er verstand sein Wirken als Dienst am Menschengeschlecht, als humanitäre Bewährung. Dem ging zuvor die Wandlung des Religiösen aus dem Dogmatischen in das Humanitäre voraus. Leibniz erstrebte eine vernunftbestimmte Sittlichkeit und stellte damit den wissenschaftlichen Fortschritt in den Dienst am menschlichen Geschlecht. As Philosoph und Wissenschaftler gelingt es ihm, ein einzelwissenschaftliches Thema, z. B. die Ermittlung der geschichtlichen Beziehung der slawischen Völker zu den übrigen Völkern Europas auf dem Weg der vergleichenden Sprachforschung als einen Baustein zu begreifen und auch staatswissenschaftliche und organisatorische Aufgaben, wie z. B. die Gesetzgebung und die Volksbildung, als Schritte zu sehen, auf dem Weg zu seinem großen Endziel, einem weltumspannenden Geistesreich.

Als an der Königlich Preußischen Societät der Wissenschaften zu Berlin konfessionelle Missionsinteressen in Russland verfolgt werden sollten, hielt Leibniz dagegen, Mission in seinem Sinn als Wissensausbreitung und Forschung zu betreiben, um dem russischen Reich wie den Zwecken der Wissenschaft zu dienen. Leibniz’ Missionspläne beruhten auf dem Austausch der Wissenschaften.

Leibniz’ Russlandarbeit bezeugt den geistesgeschichtlichen Wandel seines Gottesbegriffs, der dem Gedanken einer neuen Humanitas und Völkerfreundschaft folgt, schreibt Liselotte Richter und legt ihr Augenmerk auf den Gedanken Leibniz’: Das Aufblühen der Wissenschaften und Künste unterscheidet die Humanität von der Bestialität und fördert die schöpferische Synthese für eine fruchtbare Lebenseinheit anstelle von Absplitterung und Isolierung bestimmter Nationen, Kulturen und Völkerkreise.

Feindseligkeit, also dem Entweder-Oder vermochte Leibniz ein gerechtes Sowohl-als-Auch entgegenzusetzen. Auf politischem Gebiet stellte Leibniz sein Wirken in den Dienst des Strebens nach der Synthese der Völker und Kulturen: Für Europa sah Leibniz den Weg der Wiederherstellung des Gleichgewichts der Kräfte in einem Bund des Reiches mit dem aufstrebenden Russland.

Und Liselotte Richter führt weiter aus: „Aber über Europa hinaus erstrebt (Leibniz) die weltumspannende Synthese des abendländischen mit dem morgenländischen Kulturkreise. Und Mittler und einigende Kraft in diesem gewaltigen Plan ist Russland. ... in dem Landweg durch Russland (erkennt Leibniz) die Verbindungslinie von West und Ost. Deshalb wird er nicht müde, an Peter den Großen immer wieder Hinweise und Materialien für diese Idee zu senden.“

Leibniz sah also das junge aufstrebende Russland als Mittelglied zwischen zwei alten Kulturen, mit den Möglichkeiten beider. Mit großem, ja jugendlichem Enthusiasmus ging er an seinem Lebensabend daran, anhand des Eintritts Russlands nach Europa, die Vervollkommnungsideen in seinem Lebenswerk neu zu fassen. Zar Peter und dem russischen Reich erkannte er die Ehre zu, die Aufgabe eines weltumspannenden Geistesreiches für die Entwicklung der Menschheit zu leisten. Leibniz bietet dem Zaren nicht nur den Ertrag seiner reichen Lebensarbeit, sondern auch die Mitarbeit der Königlich Preußischen Societät der Wissenschaften: „Solche Societät zu Berlin hat der König auf meine Vorschläge fundiert und habe ich solche Anstalt dabei an Hand gegeben, dass sie dem König fast nichts zu unterhalten kostet, viel besser aber könnt nicht nur dergleichen, sondern ein weit mehreres Eurer Großen Czarischen Majestät großem Land geschehen und – bald zur Sachetat werden.“

Und Leibniz fügt hinzu: „Ich werde es mir vor die größte Ehre, Vergnügen und Verdienst schätzen, Eurer Großen Czarischen Majestät in einem so löblichen und gottgefälligen Werke dienen zu können; denn ich ... gehe auf den Nutzen des ganzen menschlichen Geschlechts, denn ich halte den Himmel für das Vaterland und alle wohlgesinnte Menschen für dessen Mitbürger und ist mir lieber bei den Russen viel Gutes auszurichten, als bei den Deutschen oder andern Europäern wenig, wenn ich gleich bei diesen in noch so großer Ehre, Reichtum und Ruhe sitze, aber dabei andern nicht viel nutzen sollte, denn meine Neigung und Lust geht aufs gemeine Beste.“

Leibniz begegnete seinem ersehnten Helden dreimal. „Héroique“ nannte Leibniz nur wenige Persönlichkeiten, bei denen er meinte, sein Philosophenziel des „Gemeinen Besten“ der Menschheit verwirklicht zu sehen: „Eure Große Czarische Majestät wird durch solche Heroische Vorhaben unzähliger nicht nur jetziger, sondern auch künftiger Menschen, insonderheit aber den Russen und allen andern slavonischen Nationen zu Nutz und zu Statten kommen...“. Das erste Mal traf Leibniz den Zaren im Sommer 1711: Zar Peter verheiratete seinen Sohn, Zarewitsch Aleksej, mit der welfischen Prinzessin Charlotte von Braunschweig-Wolfenbüttel. Die Hochzeit fand in Torgau an der Elbe statt. Später traf Leibniz den Zaren noch zweimal während Kuraufenthalten: 1712 in Karlsbad und vier Jahre später in Pyrmont. Nach den persönlichen Begegnungen künden Leibniz’ Schriften ausschließlich von Freude und Befriedigung.

Beinahe zwei Jahrzehnte arbeitete Leibniz unermüdlich an seinen vielfältigen Plänen für die Aufrichtungen der Wissenschaften und Künste im Russischen Reich – ein Workoholiker – und in immer ausführlicherer Form gab er seine Denkschriften zur „fleißigen Bewerkstellung“ an des Zaren Hof weiter – wahrlich ein humanitärer Einsatz! Für Leibniz ist Russland die Mitte zwischen China und Europa, und Deutschland und Berlin sind die Mitte zwischen Westeuropa und Russland. Und in dieser Mittelstellung verwirklicht sich für ihn ein fruchtbares Geben und Nehmen im Aufschwung einer lebendigen wissenschaftlichen und kulturellen Aufwärtsentwicklung.

Leibniz selbst weilte nie in Russland. Doch trat er nach der Torgauer Audienz in russische Dienste, denen der Zar „mit einer ungeheuren Generosität begegnet“, mit „1000 Albertustalern“ jährlich, wie Leibniz notierte. Als bleibendes Zeichen seiner Lebensarbeit für Russland aber hinterlässt Leibniz seinem Nachfolger Laurentius Blumentrost dem Jüngeren den Auftrag der Gründung der russischen Akademie in St. Petersburg. Ihr feierlicher Gründungsakt wurde im Dezember 1725 begangen. 1728 entdeckte Vitus Bering die Wasserstraße zwischen Asien und Amerika. Noch im 18. Jahrhundert, unter Katharina der Großen, erlebte die vergleichende Sprachwissenschaft einen Aufschwung. Und Alexander von Humboldt hat einen Vorschlag von Leibniz wieder aufgenommen: Er richtete zu Anfang des 19. Jahrhunderts feste Messstationen zur Untersuchung der Deklination des Magnets ein, ein Wissenschaftsgebiet, „woran auch bei der Schifffahrt viel gelegen“, womit Leibniz auf besonderes Verständnis beim Zaren hoffte.

Auf den gesellschaftlichen und tagespolitischen Hintergrund von Liselotte Richters Leibniz-Schrift machte mich der Kirchenhistoriker Prof. Dr. Günter Wirth aufmerksam. Er erwähnt die Schrift in seinem Aufsatz „Über die intellektuelle Vorgeschichte der DDR im Vergleich zur Bundesrepublik“ – in dem eben bei Karl Dietz erschienenen Band: DDR-Geschichte: Bilder und Zerrbilder – als er auf die Wiedereröffnung der ehemals Preußischen Akademie der Wissenschaften als Deutsche Akademie der Wissenschaften im Sommer 1946 zu sprechen kam. Eben zu gleicher Zeit veröffentlichte die Theologin Liselotte Richter ihre Leibniz-Schrift. In ihr, so erfuhr ich von Wirth, ging es „um die Begegnung von Ost und West, wie sie sich eindrücklich in Peter dem Großen personifizierte“. Und die Schilderung des Besuchs von Zar Peter in Torgau erschien 1946, so meint Wirth, „als historisches Spiegelbild jener legendären Begegnung sowjetischer und amerikanischer Soldaten in der Elbestadt im Zeichen des Sieges der Antihitlerkoalition“.

„Leibniz und sein Russlandbild“ erschien 1946 als erstes Buch des Akademie-Verlags, ein Jahr nach Kriegsende. Heute zählen wir das 65. Jahr. Leibniz’ Russlandarbeit vor mehr als 300 Jahren bezeugt in der Tat sehr eindrücklich, wie weit die europäische Vision von Gottfried Wilhelm Leibniz an der Jahrhundertwende des 17. zum 18. Jahrhundert reichte und welchen ehrenwerten Platz er Russland darin zugedachte.

Die wissenschaftlichen, kulturellen und historischen Leistungen Russlands und der Sowjetunion gingen weit über das hinaus, was Leibniz erahnen konnte. Sie sollten auch heute, im 65. Jahr der Wiederkehr des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg und im gemeinsamen Sieg der Alliierten Mächte über Hitlerdeutschland nicht gering geschätzt werden.

Ich erinnere an meine Gründe, die ich im vergangenen Jahr vortrug, als ich für den Vorstand des Vereins „Berliner Freund der Völker Russlands“ kandidierte. Und ich werde nicht müde, es Jahr um Jahr zu wiederholen: Wahre Völkerverständigung braucht Freundschaftsarbeit als ein hohes Gut der Friedenserhaltung zwischen den Völkern.

 

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

Berlin, 13. März 2010                                                                                   Marga Voigt