VERSTÄNDIGUNG FREUNDSCHAFT FRIEDEN
TROIKA
September
2010
Mai
2010

Leitlinien des Vereins
„Berliner Freunde der Völker Russlands e. V.“
Die
„Berliner Freunde“ würdigen den 8. Mai zusammen mit dem 9. Mai als „Tag der
Befreiung von Faschismus und Krieg“ und als „Tag des Sieges der Sowjetunion im
Großen Vaterländischen Krieg“.
Es waren die Menschen und Völker der Sowjetunion, die sich und ihr Land
vor Unterwerfung, Versklavung und Vernichtung bewahrten und retteten. Sie
erbrachten immense Leistungen und Opfer zur Niederringung Hitlerdeutschlands
und seiner Verbündeten, zur Rettung der Weltzivilisation vor dem Faschismus und
seiner Barbarei. Sie erzwangen im Bündnis mit ihren Alliierten die Niederlage
und bedingungslose Kapitulation Hitlerdeutschlands und das Ende des Zweiten
Weltkrieges in Europa und später in Asien. Das bedeutete Befreiung aus faschistischem
Joch und öffnete den Weg zum Neubeginn, der in Ost und West sehr
unterschiedlich beschritten wurde.
Der 65. Jahrestag des Sieges und der Befreiung ist für
die „Berliner Freunde der Völker Russlands“ Anlass zur Erinnerung und zur Besinnung
auf die Lehren des Krieges. Sie erfassen dieses Jubiläum als deutliche und
dringliche Mahnung zu Frieden und Menschlichkeit in einer Welt, in der Kriege
geführt werden und weitere drohen, Terrorismus die Menschen in Schrecken setzt
und menschliche Not, menschliches Elend weltweit in Erscheinung tritt.
Für die „Berliner Freunde der Völker Russlands“ ergibt
sich als Mahnung des Krieges, es nie wieder zu einer deutsch-russischen
Konfrontation kommen zu lassen, ein friedliches, kooperatives, ja
freundschaftliches Verhältnis zwischen Deutschland und Russland zu pflegen, das
seine Basis in stabilen demokratischen Verhältnissen in beiden Ländern findet.
Die
„Berliner Freunde der Völker Russlands“ werden entsprechend ihren Möglichkeiten
an einer würdigen Gestaltung des Jubiläums mitwirken.
Berlin,
den 13. März 2010
Die Befreiung Berlins und
der Neubeginn
Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands und seiner Verbündeten
auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und dem Eindringen der faschistischen Truppen tief in das Innere des
Landes bis Moskau, Leningrad, Stalingrad und den Kaukasus befreite die Rote
Armee in Umkehr des Kriegsverlaufs die okkupierten Landesteile, die osteuropäischen
Länder und drang in Deutschland ein.
Anfang
1945 stand die Rote Armee an der Oder in der Nähe Berlins. Am 16. April
begann nach gründlicher Vorbereitung die Berliner Operation. Diese war nach
ihrem Ausmaß, der Anzahl der teilnehmenden Truppen und ihrer Ausrüstung sowie
der Hartnäckigkeit des geführten Kampfes und der damit verbundenen Verluste
eine der größten Schlachten des Zweiten Weltkrieges. Sie brachte das Ende
dieses furchtbaren Krieges in Europa.
Seit
dem 21. April drangen die
sowjetischen Truppen durch die Berliner Vororte, sich den Weg Straße um Straße freikämpfend,
in das Innere der Stadt vor, in der über zwei Millionen, Frauen und Kinder,
Alte und Kranke, oft ohne Lebensmittel und Wasser, in Angst und Schrecken
dahinlebten. Am 22. April wurden Rosenthal, Buchholz, Blankenburg,
Weißensee, Biesdorf und Mahlsdorf besetzt. Am
23. April waren es Köpenick, Pankow und Marienfelde. So folgte ein Stadtteil nach
dem anderen.
Am
25. April vereinigten sich westlich von Berlin, bei Ketzin, Einheiten der
1. Belorussischen Front und der 1. Ukrainischen Front. Sie schlossen damit
die deutschen Truppen in Berlin ein und vereitelten jeden Ausbruchs- und
Entsatzversuch. Nach zehn Tagen und Nächten schwerer Kämpfe wehte am Morgen des
1. Mai über dem zerstörten Reichstagsgebäude das rote Banner des Sieges. Am
folgenden Tag stellten die Reste der geschlagenen faschistischen Truppen den
sinnlosen Widerstand ein.
Siegesfahne der 3. Stoßarmee, 1. Belorussische Front
Ein sowjetischer Kriegskorrespondent schrieb an diesem
Tag einen treffenden Bericht über die Lage in der Stadt, den manche
Fernsehdokumentationen jüngst bildhaft grausam bestätigten: „Ja, Berlin ist
furchtbar verwüstet. Kein Transportwesen, kein Telefon, fast kein Wasser,
Hunger, überall Ruinen, ganze Stadtviertel sind unpassierbar durch Trümmer,
Barrikaden ... Die Bevölkerung ist dem Tode durch Hunger, Durst und Seuchen
geweiht, falls wir nicht sofort und drastisch eingreifen und die Berliner nicht
selbst den notwendigen Lebenswillen und Energie beweisen.“
Beides geschah! Am 28. April, als im Stadtkern noch
schwere Kämpfe tobten, gab Generaloberst Nikolai E. Bersarin, Oberbefehlshaber
der 5. Stoßarmee, mit dem Befehl Nr. 1 seine Ernennung zum
Stadtkommandanten von Berlin bekannt, und er traf grundlegende Festlegungen zur
Normalisierung des Lebens in der Stadt. Es wurden Kommandanturen gebildet und
deutsche Verwaltungsorgane mit Bürgermeistern an der Spitze eingesetzt.
Die Bevölkerung wurde zu Aufräumungs- und
Instandsetzungsarbeiten herangezogen.
Es wurde ein Magistrat mit Oberbürgermeister Dr. Arthur
Werner an der Spitze gebildet und am 20. Mai von Generaloberst Bersarin
feierlich in Amt und Aufgaben eingeführt. Zu dieser Zeit kam die lebenswichtige
geregelte Lebensmittelversorgung für die Berliner zum Tragen. Diese sei hier
als Beispiel in Erinnerung gerufen.
Auf
Empfehlung des Staatlichen Verteidigungskomitees, der höchsten
Regierungsinstanz der UdSSR, beschloss der Kriegsrat der 1. Belorussischen
Front am 11. Mai zur Sicherung der Lebensmittelversorgung Berlins die
Herausgabe von zwei Millionen Lebensmittelkarten. Ab 15. Mai wurden für
die Berliner Nahrungsmittel geliefert und bereitgestellt.
Zwei
Autoregimenter mit rund 2000 Fahrzeugen wurden eingesetzt, ca. 5000 Berliner
arbeiteten auf den Kartoffelverladeplätzen außerhalb der Stadt, 235 Offiziere
wurden zur speziellen Hilfe abkommandiert. Insgesamt stellte die sowjetische
Besatzungsmacht bis Ende Juli 58 771,2 t Mehl, 11 015,9 t
Grütze, 8 199,6 t Fleisch, 352,7 t Butterschmalz, 250,6 t
Öl, 1 512,9 t Margarine, 97 589,6 t Kartoffeln, 3 527,2 t
Salz, 5 221,3 t Zucker, 161,6 t Tee, 804,7 t Kaffee-Ersatz
und 382,6 t Bohnenkaffee zur Verfügung. Milch für Berliner Kinder wurde
aus der Umgebung geliefert. Bis zum 15. Juni wurden dem Magistrat 5 744
Kühe zur Milchversorgung übergeben. Mit dieser Hilfe wurde der Hungertod aus
Berlin vertrieben, wenngleich in den folgenden Monaten die
Lebensmittelversorgung der Berliner das aktuelle Problem blieb.
Mit
der Unterstützung und Hilfe der sowjetischen Besatzungsmacht, mit dem Drängen, den Beratungen, und der Autorität des
Stadtkommandanten, Generaloberst Bersarin, der am 16. Juni 1945 bei einem
Motorradunfall in Berlin-Friedrichsfelde tödlich verunglückte, und seiner
Offiziere gemeinsam mit vielen Berlinern wurden in kurzer Zeit bei der
Instandsetzung und Wiederinbetriebnahme der U- und Straßenbahn, der
Elektrizitäts- und Wasserversorgung, bei der Öffnung von Gesundheits-,
kommunalen und kulturellen Einrichtungen und Betrieben, der Wiederaufnahme
eines behelfsmäßigen Schulbetriebes u. a. beachtliche Ergebnisse erreicht.
Auch die Bildung und Tätigkeit antifaschistischer Parteien und Organisationen,
wie sie der Befehl Nr. 2 des Obersten Chefs der Sowjetischen Militärverwaltung
vom 10. Juni gestattete, kam in Gang und mobilisierte.
Als die Westalliierten Anfang Juli in ihre Sektoren
einzogen, erkannten sie mit Befehl Nr. 1 der Alliierten Kommandantur die
von den deutschen Verwaltungsorganen und der sowjetischen Besatzungsmacht
durchgeführten Maßnahmen an. Es war deutlich: Berlin lebte, stand an einem Neubeginn.
Dies bedeutete für die Mehrheit der Bevölkerung nicht die Bewältigung der Vergangenheit
mit der klaren Sicht des einzuschlagenden Weges. Aber ein Anfang war gemacht –
auch hin zu einem guten Verhältnis zwischen Befreiern und Befreiten. Beides
wurde durch Verfehlungen und Gewalttaten von Angehörigen der Roten Armee
gegenüber der Zivilbevölkerung, insbesondere Frauen, die – so sie bekannt
wurden – streng geahndet wurden, erschwert.
Viele Jahre mit umstürzenden Veränderungen und Einstellungen
sind inzwischen ins Land gegangen. Doch die Grundtatsachen der Wende vor 65 Jahren
– die Befreiung vom Hitlerfaschismus, die Hilfe der Sowjetunion, der
Aufbauwille der Berliner – sind auch heute gültig und sollten in dankbarer
Erinnerung bleiben.
Horst Schützler
►Erinnerung an
unseren Aufruf
„Geschichten der Freundschaft“
Am 16. März hat sich erstmals eine „Redaktionsgruppe“
zusammengefunden, die eine Publikation vorbereitet, welche Erinnerungen von
Mitgliedern und Sympathisanten des Vereins der Berliner Freunde der Völker
Russlands an Erlebnissen und Ereignissen enthalten soll, aus denen Freundschaften
mit Menschen der Sowjetunion/Russlands hervorgingen und die in der einen oder
anderen Weise Bezüge zur Befreiung Deutschlands vom Hitlerfaschismus hatten
bzw. haben. Der entsprechende Aufruf zur Beteiligung an diesem Vorhaben war an
alle Freunde in der Troika ergangen (vgl. Troika vom September 2009). Nun
liegen erste Beiträge vor und erste Schritte ihrer redaktionellen
Fertigstellung erfolgen. Doch wir rechnen damit, dass die Zahl derjenigen, die
berichten möchten, weiter zunimmt und bekräftigen an dieser Stelle das Anliegen
des Aufrufs. Beiträge sind beim Vorstand einzureichen.
Die Redaktionsgruppe:
Prof.
Dr. Horst Schützler, Dr. Sonja Striegnitz,
Marga Voigt, Joachim Hinz
►Hinweis
Gedanken anlässlich des
65. Jahrestages der Befreiung
Der 8. Mai 2010 – vor nunmehr 65 Jahren war das grauenvolle
Kriegsgeschehen, angezettelt und über ganz Europa ausgeweitet von Hitlerdeutschland,
endgültig zu Ende. Es war wesentlich den gewaltigen Anstrengungen der
Sowjetischen Streitkräfte zu danken, den Menschen des Landes, das von
Nazideutschland 1941 mit einem mörderischen Krieg überzogen worden war, die
unzählige Opfer erbracht, grenzenloses Leid ertragen hatten und unfassbaren
Zerstörungen gegenüberstanden.
Für mich ist dieser Tag Anlass,
neuerlich darüber nachzudenken, warum und mit welchem Ergebnis ich mich über
diesen langen Zeitraum für einen der Sieger – Nikolai E. Bersarin –, für die Wiederherstellung
seiner Würde in Anerkennung der von ihm vollbrachten Leistungen und Taten für
Deutsche engagierte. Mit großer Genugtuung blicke ich wie die Berliner Freunde
der Völker Russlands und viele, viele Bürger der Hauptstadt auf errungenen
beachtlichen Erfolg.
Ein
ganz wesentlicher Beweggrund, ja der entscheidende, bestand in der Tatsache,
dass meine Kindheit von Ereignissen und Erscheinungen der Naziherrschaft und
dann von Geschehnissen des Krieges geprägt wurde. In meiner Erinnerung ist da
die erste bewusste politische Beobachtung am Morgen nach dem 9. November 1938,
als ich die eingeschlagenen Fenster und Türen im Ladengeschäft eines jüdischen
Friseurs erblickte. Mit dem Wort „Jude“ konnte ich zwar noch nichts anfangen.
Aber das Gefühl, Unrecht erlebt, gesehen zu haben, prägte sich ein … Dann die
Schmähungen „lieber“ Mitschüler ob meiner roten Haare („Rote Haare,
Sommersprossen sind des Teufels Volksgenossen!“). Durch List und
Erfindungsgeist meiner Mutter zwar der NAPOLA, der SS-Jugendkaderschmiede,
entgangen, blieb mir am Ende des Krieges aber die Bilanz, dass ich keinen der
über 400 Luftangriffe über Berlin „versäumt“ hatte. Vorzeitig war ich älter
geworden als mein Geburtsschein auswies. Frühzeitig waren jedoch für mich auch Recht,
Gerechtigkeit, Mitleidsfähigkeit (ich kann mich deutlich an den erbarmungswürdigen
Anblick eines ostjüdischen Mädchens in Streichers Hetzblatt „Der Stürmer“ erinnern,
mit dem die Macher bei der Bevölkerung punkten wollten) für mein ganzes Leben
anzustrebende und zu praktizierende Ideale geworden.
Als
nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten von einer Westberliner
Politikerclique in niederträchtiger
politischer Absicht versucht wurde, das
Andenken an den ersten Berliner Nachkriegskommandanten Bersarin zu beschmutzen,
hat mich dies aufgrund meiner Geisteshaltung zutiefst empört. Als Zeitzeuge und
Ingenieur für Versorgungstechnik konnte ich schließlich die Leistungen des Generals
wie seiner sowjetischen und deutschen Helfer in
den ersten Nachkriegswochen im zerstörten Berlin auch aus beruflicher Erfahrung
hinreichend beurteilen (und bewundern!). Aus Gründen der Gerechtigkeit war für
mich Widerstand gegen solches Verhalten, solchen Umgang mit einer wahrhaft
historischen Persönlichkeit geboten.
Darüber,
was ich konkret unternahm, wie ich auf Mitstreiter stieß, was wir gemeinsam
erreichten und dass mir in diesem Zusammenhang in den Nachkommen des Generals
liebe, verehrenswürdige Freunde
erwuchsen, berichte ich aus gleichem Anlass an anderer Stelle ausführlicher.*
Gert Porsche
* Gert Porsche hat einen Beitrag für die
„Geschichten der Freundschaft“ verfasst, die der Verein anlässlich des 65.
Jahrestages der Befreiung vorbereitet.
Russlands europäische Sicherheitspolitik ohne Illusionen
Freundschaftliche Begegnungen in der Sowjetunion und ihren
Nachfolgestaaten prägen mein Verständnis für heutige
russische Innen- und Außenpolitik.
Wirtschaftliche, wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit und
Modernisierungspartnerschaft zwischen Deutschland und Russland sind
eine gute Voraussetzung für gegenseitiges Vertrauen zwischen
unseren Ländern und für ein gesamteuropäisches
Sicherheitssystem.
Die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland
entwickelt sich erfolgreich. 6000 deutsche Firmen haben in Russland
Niederlassungen bzw. sind Neugründungen. Bedeutende Perspektiven
eröffnen sich durch das Programm
„Modernisierungspartnerschaft“. Doch in den Berichten
deutscher Massenmedien werden vorrangig russische Bedenken und Zweifel
an der Zuverlässigkeit europäischer und deutscher
Sicherheitspolitik in den Mittelpunkt gestellt. Die Ostausdehnung
sowie die Ignorierung des UN-Sicherheitsrates durch die NATO haben in
Russland verständliche Befürchtungen einer Bedrohung
hervorgerufen. In deutschen Medien finden sich aber bis heute die
Theorien verblichener Militärdoktrinen der USA aus der Zeit des
Kalten Krieges kritiklos und undifferenziert wieder.
Auch in Russland hat der Kalte Krieg Spuren hinterlassen. Das Ende des
Vietnam-Kriegs der USA wurde von Protesten in der ganzen Welt
unterstützt. Die Sowjetunion half Nordvietnam mit Waffen und bei
der Ausbildung von Piloten. Sie holten die strategischen US-Bomber B52
siegreich vom vietnamesischen Himmel. „Die Amerikaner hatten
damit gedroht, Vietnam in die Steinzeit zu bomben. Die Sowjetunion
erklärte, das nicht zuzulassen“, berichtete mir ein
ehemaliger sowjetischer Instrukteur. Er sah mich an und sagte:
„Wie kann man erklären, im Interesse der
freiheitlich-demokratischen Ordnung, das Mekongdelta ausradieren zu
müssen?“
Die Russen wollen keinen Krieg. Sie wollen mit ihren Nachbarn friedlich
zusammenleben. Sie haben in ihrer Geschichte allerdings viel
Schreckliches erlebt. Das „Neue Denken“ der Perestroika
hob die Priorität politischer Mittel für die
Konfliktlösung hervor. Dennoch sollte für Gewaltpolitiker und
Abenteurer klar sein, dass Russland die Bereitschaft und die
Fähigkeit zum Schutz seiner Völker und ihrer legitimen Rechte
stets sichern wird! In aktuellen Gesprächen mit russischen
Bürgern, in Diskussionsrunden im russischen Internet und
Fernsehen, in den Äußerungen russischer Politiker wird
immer wieder betont: „Wir wollen nicht über, aber auch nicht
unter anderen Völkern leben. Wir wollen gleiches Maß!“

Siegesmedaille zum 65. Jahrestag des Sieges über den Hitlerfaschismus
Wie oft wurden und werden Handlungen Russlands in deutschen Medien
einseitig be- und verurteilt, obwohl sie nur dem Schutz des eigenen
Landes dienen. Außenpolitik ist häufig recht kompliziert
und nicht sehr durchsichtig. Gleichzeitig ist eine Grundfrage sehr
einfach: Sind die Teilnehmer an der internationalen Politik bereit,
Russland die gleichen Rechte wie sich selbst zuzubilligen? Heute
sollten alle, die der Opfer des Zweiten Weltkrieges gedenken, die den
65. Jahrestag der Befreiung auch des deutschen Volkes würdigen,
über die deutsche Verantwortung für eine stabile Sicherheit
in Europa unter unbedingter gleichberechtigter Teilnahme Russlands
nachdenken. Frieden und Wohlstand auf unserem Kontinent werden nur dann
real, wenn von allen Beteiligten mit gleichem Maß die
Sicherheitsinteressen aller Länder berücksichtigt werden.Wie
die Entstehungsgeschichte des Zweiten Weltkrieges zeigt, müssen
alle Versuche, die eigene Sicherheit auf Kosten der Sicherheit anderer
Staaten zu erreichen, zu schrecklichen Fehlentwicklungen führen.
Das Beispiel des „Münchener Abkommens“ ist für
mich bis heute ein überzeugender Beweis für die
Verderblichkeit einer solchen Politik. Die Bedrohung der
Weltzivilisation durch den Faschismus hat das Gewissen denkender
Menschen mobilisiert und über alle Konflikte hinweg das notwendige
Bündnis der Alliierten gegen die Barbarei Wirklichkeit werden
lassen. Auch heute müssen Verantwortungsgefühl und Gewissen
gegen die Bedrohungen des Weltfriedens geweckt werden.
Der russische Außenminister Lawrow hat auf der Münchener
Sicherheitskonferenz erneut die Bereitschaft Russlands zu weitgehenden,
auch nuklearen, Abrüstungsmaßnahmen erklärt.
„Gleiches Maß“ erfordert adäquate Handlungen.
Weshalb haben z. B. die USA das nukleare Teststoppabkommen bis heute
nicht ratifiziert? Weshalb haben die USA die nuklearen Sprengköpfe
der de-montierten Mittelstreckenraketen nicht vernichtet, wie Russland,
sondern eingelagert? „Vertrauensfördernde
Maßnahmen“, „Interdependence“, (das Prinzip der
„gegenseitigen Abhängigkeit“), „Achtung des
Status quo“ – die Grundpfeiler der Schlussakte von Helsinki
– werden heute viel zu wenig verwendet. Übrigens werden
diese Fragen jetzt selbst von ehemaligen „Falken“ des
Kalten Krieges der USA gegen die Sowjetunion öffentlich gestellt.
Die Fortschritte bei der Begrenzung der strategischen nuklearen
Angriffswaffen und ihrer Trägermittel durch den neu vereinbarten
START-Nachfolgevertrag geben Anlass zu Hoffnung. Dennoch bleiben viele
Probleme ungelöst, wie z. B. der Aufbau eines strategischen
Raketenabwehrsystems der USA in Nähe der Grenzen zu Russland.
Lawrow stellte in München enttäuscht fest, dass die
Regularien der Konferenz für Sicher-heit und Zusammenarbeit in
Europa kaum noch Wirkung haben, wenn die NATO Angriffskriege gegen
andere Länder unternehmen will. Es habe sich die Praxis
herausgebildet, allein der NATO die Wahrung der Sicherheitsinteressen
zu überlassen. Eine Partnerschaft mit Russland sollte die
Bereitschaft einschließen, eigene Sicherheit nicht auf Kosten der
Sicherheit Russlands aufzubauen.
1945 erklärten Antifaschisten in ganz Deutschland, alles zu tun,
damit von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgeht. Verständigung
und Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland können
entscheidend sein für einen sicheren Frieden in Europa und in der
Welt. Ich sehe meine Teilnahme an der Arbeit unseres Vereins
„Berliner Freunde der Völ-ker Russlands“ in diesem
Sinn auch als Verpflichtung gegenüber meinen Freunden in der
früheren Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten.
Eugen Neuber
Tagebuchaufzeichnungen
Unser langjähriges Mitglied, Frau Dr. Vera
Feyerherd, übersandte uns für den Band „Geschichten der
Freundschaft“ ihre Tagebuchaufzeichnungen aus den letzten Tagen
des Krieges, die sie in Kaulsdorf-Süd erlebte. Wir zitieren
Auszüge daraus:
Sonntag, 15. April 1945
Heute war mein einundzwanzigster Geburtstag. Am Nachmittag begann unser
Haus zu beben. Ununterbrochen hörte man das Heulen der Katjuschas.
Die Offensive an der Oder hatte begonnen. Jetzt werden uns die
Kriegsereignisse wohl überrennen.
Freitag, 20. April 1945
Ich pflanzte Kartoffeln. Wie gefährliche Insekten brummten
russische Tiefflieger über mir in der Luft. Hin und wieder flog
ein von Jagdfliegern abgeschirmter Bomberpulk der Reichshauptstadt
entgegen. ... Niemand fürchtet die russischen Kampfflugzeuge. Sie
greifen in die Schlacht um Berlin ein. Einzelne Zivilisten unter ihnen
interessieren sie nicht. Die Kampfflugzeuge flogen so tief über
uns hinweg, dass man die Pilo-ten fast sehen konnte. Das Wetter war
herrlich. Es ließ Gedanken an drohende Gefahr kaum aufkommen. Die
Bäume begannen zu blühen. Es wurde Nachmittag und es wurde
Abend. Der Strom war den ganzen Tag abgeschaltet, so dass wir weder
Nachrichten hören, noch die Luftlage verfolgen konnten. ... Erst
in der Dämmerung ging ich ins Haus, um mich zu waschen und mich
für den täglichen Gang zum Luftschutzbunker fertig zu machen.
Es wurde zu spät. ... Jeden Augen-blick konnten die Bomber folgen.
... Eng zusammengepfercht saßen wir alle in einem kleinen
Kellerloch unter der Treppe. Fieberhitze stieg in mir hoch, als ein
Geschwader nach dem anderen ganz tief über unser Haus
hinwegbrauste. Eine Bombe nach der anderen detonierte. Die
Einschläge kamen immer näher, und lange vorher hörte man
es rauschen und brausen, unheilvoll. ... Das Blut hämmerte mir in
den Schläfen. Gegen drei Uhr war alles vorbei. Lange konnte ich
keinen Schlaf finden. In der Ferne fielen noch immer Bomben.
Sonnabend, 21. April 1945 Eine Frau ging eilig an unserem Haus vorbei.
„Panzerspitzen sind schon im Wald“, rief sie uns zu.
Gewehrschüsse und Maschinengewehrsalven fegten durch die
Straßen. Irgendwo in der Umge-bung barsten Panzerfäuste. Das
Kriegsgeschehen hatte Kaulsdorf-Süd erreicht, so schien es...
Sonntag, 22. April 1945
Straßenkämpfe versetzten uns in Angst und Schrecken.
Maschinengewehrgarben russischer Tiefflieger peitschten durch die
Straßen und jagten deckungs-lose deutsche Soldaten hin und her.
... In der Nacht krepierten wieder Granaten, Flieger brummten, das Haus
bebte ...
Montag, 23. April 1945
Eiliger Durchmarsch der Russen. Es waren die ersten, die wir zu Gesicht
bekamen. Ungeordnet zog eine lehmfarbene Kampfeinheit an unserem Haus
vorbei. Auf den sonnengegerbten Gesichtern der Soldaten zeigt sich eine
durch Kampf und Entbehrungen entstandene unberechenbare Wildheit.
Erdfarbene Gestalten eilten in verschwitzten Hemdblusen und
lehmverkrusteten schweren Stie-feln im Sturmschritt an uns vorbei. An
ihren Gürteln klirrten die Feldgeschirre. Sie schienen von der
Begierde vorwärts getrieben zu sein, den Feind in seiner
Hauptstadt vernichtend zu schlagen, um endlich heimkehren zu
können. ... Den Tod vor Augen schien sie weder Befehl noch Verbot
zu lenken und zu leiten, wohl aber eine zielgerichtete innere Kraft.
... Ich blickte ihnen nach, bis sie mir aus den Augen waren. Die
Gewehrläufe der letzten Soldaten blitzten noch einmal in der Sonne
auf, dann hing nur noch ein strenger Geruch in der Luft ...
Vera Feyerherd
Vor 65 Jahren:
Ende der Zwangsarbeit
Vor 65 Jahren schlug
auch die Stunde der Befreiung für die überlebenden
Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, die als Arbeitssklaven für
den Feind arbeiten mussten. Innerhalb des Deutschen Reiches wurden
während des Zweiten Weltkriegs über 13 Millionen
»Fremdarbeiter«, »Arbeitsjuden«,
Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge ausgebeutet. Weitere Millionen
Frauen, Männer und Kinder arbeiteten in den besetzten Gebieten
für die Deutschen. Die meisten von ihnen waren Polen, Russen,
Weißrussen und Ukrainer. In der rassistischen Naziideologie
nahmen die Menschen aus der Sowjetunion als sogenannte Ostarbeiter den
untersten Platz ein. Sowjetische Kriegsgefangene und
„Ostarbeiter“ mussten oft die schwersten Tätigkeiten
verrichten, bekamen die schlechteste Versorgung und ihre
„Vernichtung durch Arbeit“ war zynisches Kalkül der
Nationalsozialisten.
Die Zwangsarbeiter, ebenso die sowjetischen Kriegsgefangenen,
gehörten in den Jahren nach Kriegsende lange Zeit zu den
vergessenen Opfern des Nationalsozialismus. Die von der Sklavenar-beit
profitierenden deutschen Unternehmen leugneten jahrelang ihre
Verantwortung und lehnten jede Form von Entschädigung ab (von
wenigen Ausnahmen abgesehen).
Erst im Jahr 2000 wurde mit der Gründung der Stiftung
„Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (Stiftung
„EVZ“) eine von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft
gemeinsam getragene Initiative ergriffen, um die Auseinandersetzung mit
nationalsozialistischem Unrecht wach zu halten, für
Völkerverständigung einzutreten und Zahlungen an ehemalige
Zwangsarbeiter zu leisten. Insgesamt sind 4,4 Mrd. Euro an über
1,66 Millionen Zwangsarbeiter in fast 100 Ländern ausgezahlt
worden. Diese Zahlungen wurden 2007 ab-geschlossen. Das bedeutet kein
Ende des Engagements für die Opfer des Nationalsozialismus und der
Auseinandersetzung mit der Geschichte.
Die Stiftung „EVZ“ fördert zahlreiche Projekte, um die
Erinnerung an das nationalsozialistische Unrecht für kommende
Generationen wach zu hal-ten. Gegenwärtig erarbeiten Mitarbeiter
der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora eine
Dokumentation der NS-Zwangsarbeit, die als Wanderausstellung an
verschiedenen internationalen Orten präsentiert wird.
Bundespräsident Horst Köhler ist Schirmherr der Ausstellung,
die am 27. September 2010 im Jüdischen Museum Berlin eröffnet
wird.
Dr. Lutz Prieß
7. Mai 2010, 16.00 Uhr
Festliche Veranstaltung aus Anlass des 65. Jahrestages der Befreiung
des deutschen Volkes und ganz Europas von Faschismus und Krieg
im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin,
Friedrichstraße 176-179, Kartenverkauf: Geschäftsstelle der
GBM e.V., Weitlingstraße 89, 10317 Berlin, Telefon: 030-5578397
8. Mai 2010, 17.00 Uhr
Kundgebung am Denkmal „Mutter Heimat“ im sowjetischen
Ehrenmal in Berlin Treptow. Es sprechen: Prof. Dr. Heinrich Fink und
Oberst a. D. Marat Jegorov, Belarus
Auftritt des Kinder- und Jugendchores „Sadako“, anschließend Kranzniederlegung
9. Mai 2010, 11.00 bis 22.00 Uhr
Deutsch-Russisches Volksfest, Treptower Park, Puschkinallee, Parkplatz Rosengarten
9. Mai 2010
Symbolischer Marsch von Kriegsveteranen vom Reichstag zum Sowjetischen
Ehrenmal im Tiergarten, Informationen über GBM: Telefon:
030-557839
9. Juni 2010
Besuch der Gedenkstätte Seelower
Höhen.
Führung, Film und Aus-sprache mit dem Leiter der Gedenkstätte,
Herrn Gerd-Ulrich Herrmann
Abfahrt 9.00 Uhr Karl-Marx-Allee/Ecke Otto-Braun-Straße (Parkplatz Otto-Braun-Straße 70-72)
Kostenbeitrag 10,00 €

Januar
2010

Sowjetisches Ehrenmal "Seelower Höhen"
N e u j a h r s g r u ß
"Friede den Menschen guten Willens"
Eine überwältigende Mehrheit der Menschen will
Frieden – das wurde schon vor zweitausend Jahren in der oben zitierten
Botschaft aus der Bibel formuliert –, aber trotzdem werden jetzt gerade wieder
immer mehr Mittel für die Rüstung ausgegeben!
Nun hat im alten Jahr der
russische Präsident, Dmitri Medwedjew, grundlegende Vorschläge zur
Einschränkung der Rüstung gemacht und Russlands Partnerschaft für eine
gesamteuropäische Sicherheitsstrategie angeboten.
Wir wissen, dass es in
einem Wirtschaftssystem, in dem Rüstung die höchsten Profite bringt, nicht
einfach ist, von der Vernunft und dem Sehnen der Menschen diktierte
Abrüstungsprojekte in die Tat umzusetzen.
In diesem Jahr, dem Jahr
2010, begehen wir den 65. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus. Dieser
Tag ist uns erneut Mahnung, dass wir dafür Sorge tragen müssen, dass von
Deutschland nur Frieden ausgehen sollte und nie Krieg.
Wir haben uns bei unserer Jahresabschlussfeier am 12. Dezember 2009 an das Bibelwort erinnert: „ Ein treuer Freund ist eine starke Stütze, wer einen solchen gefunden hat, hat ein Vermögen gefunden.“
Wir sind nicht
materiell reich, aber wir haben ein Vermögen – unsere
Freundschaft, und die
bieten wir den Völkern Russlands an. Wir wollen wie früher die Sowjetunion, heute Russland unterstützen in seinen
Friedensbemühungen und wollen einen neuen Kalten Krieg verhindern helfen.
So bleibt unsere
Freundschaft nicht nur ein schönes Gefühl oder eine folgenlose Behauptung.
Ich wünsche uns allen
weiter viel Kraft zur Freundschaft und ein friedvolles Jahr 2010!
Cyrill Pech
Vorsitzender
September
2009
Anfang September 2009, wenn diese „TROIKA“ erscheint, drängt die Erinnerung an den Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem Überfall Hitlerdeutschlands auf Polen vor 70 Jahren in den Vordergrund. In vielfacher und sehr unterschiedlicher Weise wird dieses Ereignis, sowohl im persönlichen Rückblick, als auch in vielen Veranstaltungen, zahlreichen Publikationen und Medienszenarien behandelt werden.
Übereinstimmung herrscht dabei zumeist über den verbrecherischen Charakter des faschistischen Überfalls auf Polen und der nachfogenden Kriegsführung Hitlerdeutschlands und seiner Vasallen. Meinungsverschiedenheiten und Anschuldigungen zur Haltung der Westmächte und der Sowjetunion am Vorabend des Krieges sind nicht zu übersehen – ich denke an Appeasement-Politik und den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939.
Gemeinsam ist zumeist die Sicht auf die maßlosen Grausamkeiten, ungeheuren materiellen Zerstörungen und die vielen Millionen Opfer des Krieges. Ganz entschieden abzulehnen sind alle Versuche, die Ursachen des Krieges zu übergehen, Täter zu entschuldigen oder zu vergessen und alle Kriegsteilnehmer gleicher-maßen zu Opfern einer nicht zu verhindernden, weltumfassenden Kriegskatastrophe zu vereinen.
Die Niederringung des faschistischen Deutschlands und seiner Verbündeten – Japan darf dabei nicht vergessen werden – war das Ergebnis gemeinsamer Anstrengungen der Antihitlerkoalition.
Jedes Volk ist dabei zu würdigen.
Doch zu Recht heben wir als Berliner Freunde der Völker Russlands
den entscheidenden Beitrag der Völker der Sowjetunion hervor.
Bei Kriegsende war die Stimme und Stimmung der Völker, auch des deutschen Volkes, eindeutig: Nie wieder Krieg!
Doch der Friede war brüchig. Bald mehrten sich kleine und große Kriege. Auch der jahrzehntelange „kalte“ Krieg forderte große Opfer. Ein „heißer“, dritter Weltkrieg blieb der Menschheit bis heute erspart, und dies muss so bleiben.
Doch auch die „kleinen“,
mit scheinheiligen, patriotischen Umschreibungen geführten Kriege
dürfen nicht hingenommen werden.
Jeder sollte mit dem Blick zurück und in Erinnerung an den Beginn
des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren sagen und dafür eintreten:
Nie wieder Krieg!
Pragmatismus und Realismus in der Außenpolitik Russlands in Europa
Neue Chancen, aber auch Bedrohungen erfordern eine realistische Analyse der Sicherheitspolitik in Europa. Der Föderationsrat der Russischen Födera-tion wendet sich in diesem Zusammenhang aus An-lass des 70. Jahrestages des Beginns des 2. Welt-krieges mit einer Erklärung an die Weltöffentlich-keit. Darin heißt es, „ … dass in Verfolgung eigener Ziele die machtausübenden politischen Kräfte in einigen einflussreichen europäischen Staaten bis zum Beginn des 2. Weltkrieges Widerstände gegen die Schaffung eines wirksamen Systems der kollek-tiven Sicherheit errichteten. Aber sowohl damals wie auch heute war und ist ein solches System ohne Teilnahme der UdSSR, ohne Russland undenkbar.“
Realismus in einer Analyse der russischen Außen-politik erfordert in meinem Verständnis außer der Wahrhaftigkeit in der lebensnahen Berücksichtigung von Einzelfragen ebenso Wahrhaftigkeit in der Dar-stellung typischer Verhaltenslinien in typischen Situationen.
Die UdSSR und Russland waren seit dem 1. Welt-krieg ständigen Bedrohungen und Angriffen ausge-setzt. Der Sieg über Hitlerdeutschland und der Kalte Krieg kosteten die Völker Russlands riesige Verlus-te an Menschenleben und materiellem Wohlstand. Die Hoffnung auf gegenseitiges Vertrauen und gute Nachbarschaft mit Westeuropa erfüllte sich mit den westeuropäischen Konzeptionen von Privatisierung und Demokratie im Verständnis eines sehr großen Teils der Bevölkerung Russlands nicht. Wladimir Putin appellierte bereits zum Beginn seiner ersten Legislaturperiode in seiner Rede vor dem Bundes-tag in Berlin, alte Stereotype zu überwinden und zum gegenseitigen Nutzen eine langfristige zuver-lässige Zusammenarbeit aufzubauen. Dieser Aufruf wurde jedoch von der politischen Klasse nicht als große Chance besonders für Deutschland aufge-nommen. Bei allen Fortschritten in den Wirtschafts-beziehungen standen in Deutschland die bedin-gungslose Loyalität gegenüber der westlichen Füh-rungsmacht USA sowie eine unbedingte Priorität der Wünsche der EU im Vordergrund. Häufig wurden dabei eigene nationale Sicherheitsinteressen zurückgestellt. Schlimme Beispiele dafür waren Aktivitäten für die Ostausdehnung der NATO, bis hin zur Entsendung von Koordinierungsoffizieren in die Ukraine und nach Georgien. Selbst wenn solche Handlungen pragmatisch gesehen Deutschland in den internationalen Beziehungen kurzfristige Vor-teile gebracht haben sollten, kann Konfrontation mit Russland Deutschland nur schaden.
Nach dem Sieg über Hitlerdeutschland und seine Vasallen verurteilte die zivilisierte Welt sowohl die ungeheuren Verbrechen gegen die Menschlichkeit als auch die Vorbereitung und Führung von An-griffskriegen. Die UNO wurde gegründet, um im Interesse der Völker der ganzen Welt Konflikte ge-meinsam mit politischen Mitteln zu lösen. Erklärun-gen, die Ressourcen in Sibirien gehörten allen Län-dern, die Sowjetunion hätte an der Entstehung des 2. Weltkrieges gleiche Schuld wie Nazideutschland, rufen in Russland verständliche Empörung hervor. In der Erklärung des Föderationsrates heißt es des-halb zu Letzterem: „Schritte, die auf eine Revision der Geschichte gerichtet sind, enthalten weitgehen-de politische Ziele, die auf eine Veränderung des entstandenen Systems der internationalen Beziehun-gen sowie auf die Entstehung neuer Spannungsher-de zwischen den Völkern und Staaten des europä-ischen Kontinentes gerichtet sind.
Das steht im Widerspruch zu den grundlegenden Prinzipien der internationalen Beziehungen sowie den Interessen der Sicherheit und globalen Stabili-tät.“ Bei seinen Bemühungen um europäische Si-cherheit orientiert Russland realistisch auf langfris-tige wirtschaftliche und wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit mit Westeuropa und besonders mit Deutschland.
Langfristige Vereinbarungen über die Lieferungen von Erdgas und Erdöl, für den gemeinsamen Auf-bau einer effektiven Energieversorgung und strate-gischer Transportwege, schaffen Stabilität und hö-here Effektivität für alle beteiligten Länder.
Russland erwartet natürlich für notwendige riesige Investitionen zuverlässige langfristige Abnahmega-rantien. Sollten vertrauensbildende Vereinbarungen mit Westeuropa verhindert oder offen gelassen wer-den, könnte Russland auch zu pragmatischen Um-orientierungen auf den asiatischen Markt veranlasst werden.
Die gegenwärtige Wirtschaftskrise kann durchaus auch solche Wendungen in der Außenpolitik her-vorrufen, die einen raschen unmittelbaren Nutzen für Russland versprechen. Der Präsident der Russi-schen Föderation hat jedoch wie schon Wladimir Putin mehrfach betont, dass Russland eine strate-gische, auf Dauer angelegte Zusammenarbeit mit Deutschland und Westeuropa auf der Basis gleicher Rechte und Pflichten anstrebt.
Die Menschen in Russland haben wie in aller Welt die neuen Initiativen Barack Obamas für die ameri-kanische Außen- und Sicherheitspolitik mit großem Interesse aufgenommen. Dmitri Medwedjew be-grüßte insbesondere seinen Aufruf zu einer Welt ohne Kernwaffen. Gleichzeitig wird in vielen Kom-mentaren in Russland festgestellt, dass keine weite-ren Bedrohungen für Russland geschaffen werden dürfen. Dabei könnten sich Medwedjew und Obama mit ihrem Sinn für Realitäten auch über gemeinsa-me Schritte zur Abwehr weiterer Gefahren verstän-digen. Chancen eröffnen sich für gemeinsame Akti-vitäten gegen die Weiterverbreitung von Massen-vernichtungswaffen, für neue Wege der internatio-nalen Finanzwirtschaft, gemeinsame Handlungen gegen Terrorismus und Rauschgiftschmuggel, für die Bekämpfung von Hunger und Seuchen, für ver-stärkte Aufklärung in der Welt gegen Rassismus und Fanatismus. Russland ist auf diesem Wege durchaus zu pragmatischen Zugeständnissen bereit, wie die Öffnung ihrer Luftkorridore für amerika-nische Militärtransporte nach Afghanistan zeigt.
Ich hoffe, dass Deutschland mit seiner Außenpolitik eine klare Haltung für Verständigung, Freundschaft und Zusammenarbeit mit Russland bezieht.
Deutschland und Russland brauchen einander!
Eugen Neuber
Aufruf
„Geschichten der Freundschaft“
Liebe Mitglieder und Freunde des Vereins, erinnert Ihr
euch an Begegnungen und Erlebnisse, ernste, besinnliche und humorvolle,
gewöhnliche und un-gewöhnliche, mit Bürgerinnen und Bürgern der Sowjetunion und
Russlands, die euch prägten und den Charakter dieser Menschen und eurer Freund-schaft
mit ihnen zum Ausdruck bringen?
Dann laden wir euch ein, das Projekt „Geschichten der
Freundschaft“ unseres Vereins anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung
Deutschlands vom Faschismus im Mai 2010 mitzugestalten. Wir bitten euch um die
Niederschrift Eurer Freundschaftser-lebnisse. Denn diese Begegnungen der
Freundschaft sollten nicht vergessen und anderen, besonders Jün-geren,
mitgeteilt werden.
Unsere Idee ist es, daraus eine repräsentative Sammlung zu erstellen, sie zu drucken und daraus zu lesen, wenn wir im Mai 2010 den Jahrestag der Befreiung begehen.
Wir bitten um die Übergabe Eurer Manuskripte und um entsprechende Fotos.