Wir über uns
Russland und Deutschland brauchen einander!In
den letzten Wochen habe ich
an zwei Veranstaltungen teilgenommen, die sich hauptsächlich
mit Tschetschenien befassten, auf der einen redete ein ehemaliger
tschetschenischer Vize-Präsident, ein Historiker und jetziger
Verbindungsmann zu Präsident Maschadow und auf der zweiten,
von unserem Verein veranstalteten, redete der
Militärattaché der Russischen Botschaft.
Über letztere Veranstaltung können Sie einen kurzen
Bericht in der neuesten Troika lesen, die ab heute verbreitet wird.
Beide Referenten waren, schon von ihrer Dienststellung, aber auch von
ihrer Ausbildung her, gebildete, verantwortungsbewußt
denkende Männer. Und doch waren ihre
Äußerungen über die jeweils andere Seite
sehr gegensätzlich, ja vielleicht sogar von Feindseligkeit
geprägt. Ich hatte den Eindruck, dass es da kaum
Ansätze für eine beide Seiten zufriedenstellende
Lösung gibt.
Nun sind aber beide Männer und ihre Völker nach der
Selbstbezeichnung unseres Vereins unsere Freunde!
Wenn wir nur eine deutsch-russische oder russländische
Gesellschaft wären, wäre es einfacher, aber wir
wollen Freunde sein und das nicht nur der Russen, sondern aller
Völker Rußlands, also auch der Tschetschenen. Das
stellt uns vor eine große Herausforderung und erfordert von
uns stärkeres Nachdenken über diese Probleme als von
den Mitgliedern irgendeiner neutralen Gesellschaft.
Wir müssen uns also zunächst bewußt machen,
definieren, was Freundschaft heißt, was Freundschaft ist.
Von unserer Herkunft her aus der Gesellschaft für
deutsch-sowjetische Freundschaft, sind wir da zunächst positiv
vorbelastet. Manche machen uns da einen Vorwurf, der sich bei
näherem Hinsehen als ein Lob erweist, nämlich dass
unsere Freundschaft verordnet war. In einer anderen Richtung gibt es ja
in der heutigen Gesellschaft durchaus etwas Vergleichbares, wenn da von
uneingeschränkter Solidarität gesprochen wird und
davon dass abweichende Meinungen etwa bei Lehrerinnen in Sachsen
bestraft werden.
Wir brauchen uns also unserer " verordneten " Freundschaft nicht zu
schämen, zumal sie für uns nicht verordnet war,
sondern Herzenssache.
Wir müssen aber auch klar sehen, dass sich da etwas
verändert hat: Auf beiden Seiten ist nicht mehr eine
einheitliche Gesellschaft, sondern eben eine pluralistische. Wir
können hier nicht im Einzelnen darstellen, was das
heißt, wir merken es schon am oben genannten Beispiel, aber
auch an solchen Tatsachen, dass es auf beiden Seiten sehr verschiedene
Parteien, Gruppen, Interessen, Ansichten und viele andere verschiedene
Gesichtspunkte gibt. Es gibt, wie eine Studie aus der
Universität Basel, Schweiz feststellt, in der deutschen
Öffentlichkeit heute kein einheitliches Russlandbild. Ja,
diese Studie stellt fest, dass das Russlandbild in Deutschland sich
verschlechtert hat.
Nach der Perestrojka-Euphorie und einer Phase des Mitleids und
Wohlwollens, die für die Bürger Russlands auch nicht
immer angenehm war, folgte eine Ernüchterung und
Enttäuschung, die sich gegenwärtig in einer
Imageverschlechterung äußert. Die Studie stellt
fest, dass das frühere Feindbild Russland in Wirklichkeit gar
nicht zerfallen ist, sondern sich nur gewandelt hat.
Wir selbst kennen aus unserer Arbeit und unseren Erfahrungen genug
Trauriges, Unangenehmes, Negatives und Abzulehnendes. Aber als Freunde
der Völker Russlands stellen wir das nicht nur fest, wir
verdrängen es auch nicht, sondern es tut uns weh, wir leiden
mit unseren Freunden mit, unsere Freundschaft ist unsere Passion,
unsere Leidenschaft und das beinhaltet schon vom Wortsinn her eben auch
Leiden!
Machen wir uns noch einmal bewußt, was Freundschaft ist: Sie
ist eine idealisierende Kraft, die von der Liebe getragen wird, sie ist
personal und deshalb nennen wir uns Freunde der Völker
Russlands, Kameradschaft ist zweckgebunden, Freundschaft nicht. Es geht
also auch um zwischenmenschliche Beziehungen, um geistige
Kommunikation, die beide aus freier Zuwendung hervorgegangen sind.
Dietrich Bonhoeffer hat einmal aus dem Gefängnis geschrieben:
" Die Freundschaft gehört in den Bereich der Freiheit, sie ist
unser kostbarstes Gut." Weil Freundschaft das alles ist, ist sie
natürlich auch ein Gefühl, aber das bedeutet nicht,
dass ich nur so reagiere, was man "
gefühlsmäßig" nennt, sondern wenn sich
Gefühl und Vernunft verbinden, dann gibt es Lösungen.
Nachdem wir uns nun bewußt gemacht haben, was Freundschaft
heißt, müssen wir das nun konkretisieren. Lassen Sie
es mich zunächst an dem Beispiel Tschetschenien tun, mit dem
wir angefangen haben: Was ist zu tun angesichts so auseinanderfallender
Standpunkte?
Ich schlage fünf Schritte vor, die ich mit den Stichworten
informieren, analysieren, differenzieren, entscheiden und tolerieren
bezeichnen möchte.
Wir informieren uns zunächst umfassend, vielseitig. So habe
ich es auch in der DDR schon getan, erst die Aktuelle Kamera, dann die
Tagesschau und Tagesthemen. Jetzt eben die verschiedenen Medien, die
über Russland berichten. Allerdings muß schon hier
eben die Tendenz der deutschen Medien beachtet werden, lieber negativ
über Russland zu berichten und deshalb sind gerade wir
verpflichtet, auch russische, dort auch verschiedene Quellen und andere
Informationen einzubringen. Schon das eine gewaltige Aufgabe!
Dann analysieren wir das Problem. Das bedeutet, dass ich nicht nach
Gefühlen, nach Sympathie und Antipathie entscheide, sondern
mich eben bemühe, alle Informationen einzubeziehen. Das kann
im Einzelfall schmerzhaft sein. Bei Tschetschenien ist mir nicht ganz
wohl, dass die russische Regierung ganz auf der amerikanischen
Anti-Terrorismus-Welle schwimmt. Ich würde mir da schon etwas
mehr Differenzierung wünschen, womit wir beim
nächsten Schritt wären. Pauschalurteile und
emotionale Schritte helfen nicht weiter, Differenzierung ist ein
wichtiges Hilfsmittel, um ein Problem einigermaßen gerecht zu
lösen.
Aber gerade die Differenzierung kann dann dazu führen, dass
ich den nächsten Schritt gehen muß, nämlich
sich zu entscheiden für eine bestimmte Meinung oder Ansicht.
Das bedeutet, damit es nicht zum Bruch unter uns und zum weiteren Krieg
dort kommt, einen letzten Schritt, nämlich zunächst,
bis eine endgültige Lösung da ist, die andere
Meinung, Ansicht und den anderen Standpunkt zu tolerieren . Das ist
schwer, aber es gibt keinen anderen Weg!
Noch einige Konkretisierungen: Freundschaft zu den Völkern
Russlands bedeutet auch, dass wir in Bezug auf die Vergangenheit,
besonders auf die Sowjetunion, sehen, dass nicht alles gut war, was
damals geschah und dass wir das auch benennen, aber es bedeutet auch,
dass wir fest dafür einstehen, dass nicht alles schlecht war.
Freundschaft heißt konkret auch, dass einige von uns sich
mehr zu den Kommunisten, andere zu anderen Parteien oder Personen
hingezogen fühlen. Ich bin nicht mit allem einverstanden, was
Präsident Putin macht, aber ich glaube, dass er im Augenblick
für Russland der richtige Mann ist und deshalb stehe ich zu
ihm.
Lassen Sie mich noch etwas dazu sagen, was Freundschaft in den
Innenbeziehungen unseres Vereins bedeutet.
Der Vorstand wird Sie nachher bitten, ein Mitglied abzuwählen.
Da wird vielleicht mancher sagen: Was nützen da all' die
schönen Worte, wenn sie sich da nicht einmal im Vorstand
verstehen? Ich suche die Antwort in dem, was wir oben gesagt haben,
dass Freundschaft etwas Personales ist und im Personalen kann es
Umstände geben, die eine teilweise Trennung nötig
machen. Ich kann durchaus von einem Menschen sagen, dass er gut ist und
viel Gutes vollbringt, aber er hat auch Eigenschaften, die es mir
unmöglich machen, zu ihm eine Nähe zu halten,
Nähe und Distanz ist ein Problem der zwischenmenschlichen
Beziehungen und eine Trennung kann heilsamer sein als ein aus falschen
Gründen weitermachen, wo es im Praktischen doch nicht geht.
Aber zunächst müssen wir uns alle, gerade weil wir
Freunde sein wollen, darum bemühen, auch uns nicht passende
Meinungen und Ansichten zu tolerieren und gemeinsam nach
Lösungen suchen.
Lassen Sie mich noch einmal unsere Aufgabe zusammenfassen:
Untereinander tolerant sein gegenüber verschiedenen Meinungen,
nicht dem ganzen Verein seine eigene Meinung aufzwingen wollen, trotz
mir nicht gefallender politischer Entwicklungen in Russland die
Menschen dort zu lieben, und das nicht nur
gefühlsmäßig, sonder konkret helfend. Das
bedeutet auch, dass wir mit helfen, den Antikommunismus und
Antislawismus, die noch immer im Westen weit verbreitet sind und oft
unbewußt das Russlandbild bestimmen, aufzudecken und zu
bekämpfen Liebe Freundinnen und Freunde, meine Damen und
Herren! Diese Gedanken sind meine Überlegungen zu diesem Thema
und ich beanspruche keineswegs Unfehlbarkeit und
Vollständickeit, sondern möchte dies als Anregung
verstehen, weiter über dieses Problem nachzudenken.
Lassen Sie mich nun zur zweiten Aufgabe übergehen, die ich als
Vorsitzender habe, zur Arbeit des Vorstandes. Hier möchte ich
zunächst allen Freundinnen und Freunden im Vorstand und im
Verein danken für ihre so engagierte Arbeit, dass ich mich
manchmal gefragt habe, wozu überhaupt ein Vorsitzender
nötig ist. Ob das die Vorbereitung und Durchführung
der Sitzungen des Vorstandes ist, die Herstellung der Troika, die
Betreuung unseres Standes beim Tag der Begegnung vor dem Roten Rathaus,
unsere humanitäre Arbeit, unsere Veranstaltungen, die
Mitgliederbetreuung, unsere Begegnungsarbeit, die Betreuung der
Denkmäler, die Bemühungen um den Aufbau einer
Jugendarbeit und nicht zuletzt der ganze finanzielle Bereich, all das
wird mit sehr großem Engagement und ehrenamtlich erledigt.
Ich danke allen sehr herzlich für diese Arbeit.
Wir werden nachher noch dazu Einzelberichte hören. Aber nicht
nur Mitglieder des Vorstandes, sonder auch andere Mitglieder unseres
Verein haben viel geleistet und auch ihnen möchte ich sehr
herzlich danken.
Nun einige Einzelangaben: Der Vorstand hat
regelmäßig jeden Monat getagt, meistens
ungefähr vier Stunden lang. Die Protokolle der Sitzungen
liegen vor. An ihnen ließe sich manches kritisieren, aber die
Arbeit ist wichtiger als der Papierkram! Bei diesen Sitzungen wurden
alle oben genannten Aktivitäten besprochen und vorbereitet.
Besonders unser Freund Horst Herrmann, der nicht Mitglied des
Vorstandes ist, hat sich des Themas Ehrenbürgerschaft Bersarin
und Achter Mai als Gedenktag der Befreiung angenommen, wofür
wir ihm sehr dankbar sind. Wir hoffen, dass unter der neuen politischen
Konstellation in Berlin Bersarin wieder in die Liste der
Ehrenbürger Berlins aufgenommen wird und dass der achte Mai
zum Gedenktag wird ähnlich dem Holocaust-Gedenktag.
Der neue Vorstand hatte im vorigen Jahr ein sehr gutes
Gespräch mit dem Botschafter der Russischen
Föderation in Deutschland, Herrn Krylow. Aus Anlass des
Besuches von Präsident Putin in Berlin haben wir ihm einen
Brief übergeben lassen, in dem wir ihm für seine
Arbeit unsere Unterstützung zusichern, unseren Verein kurz
vorstellen und um Aufhebung bürokratischer Hürden bei
der humanitären Hilfe bitten.
Unser Verein hat einen Arbeitsplan für das letzte Jahr und
eine Arbeitsordnung. Meine obige Aufzählung ist zugleich der
Nachweis, dass dieser Arbeitsplan erfüllt wurde und wir haben
ihn für das kommende Arbeitsjahr fortgeschrieben,
über die Arbeitsordnung, die auch im Entwurf vorliegt, wird
der Vorstand in seiner Sitzung im April beraten. Erwähnen
möchte ich noch, dass Herr Gerhard Noack eine Jugendarbeit
hier im Haus begonnen hat. Er hat uns berichtet, dass 13 Jugendliche zu
einer Gruppe gehören, die er betreut und der Vorstand
unterstützt bis auf weiteres diese Arbeit und ist Herrn Noack
dankbar für diese Initiative. Es waren auch zu unseren
Veranstaltungen junge Leute aus dem akademischen Bereich, die auch
Interesse an unserer Arbeit gezeigt haben. Beides zusammen
läßt uns auf eine Verjüngung unseres
Vereins hoffen.
Damit Sie wissen, welche Arbeitsgebiete der Arbeitsplan
enthält, möchte ich Ihnen die Unterpunkte
aufzählen: Öffentliche Veranstaltungen, Vermittlung
und Pflege der russischen Sprache, Humanitäre Hilfe,
Deutsch-russische Begegnungen, Betreuung von Gedenkstätten,
Zusammenarbeit mit Verbänden und Organisationen,
Informationstätigkeit, Mitgliedergewinnung, Finanzarbeit,
Vorstandstätigkeit.
Wir arbeiten weiter aktiv im Bundesverband Deutscher
West-Ost-Gesellschaften mit und denken auch über eine
Vernetzung aller Berliner Organisationen nach, die Beziehungen zu
Russland haben.